Wirtschaft : Prozess-Auftakt: Der tiefe Fall des Roland Ernst

Ralf Schönball

Mitten im Notar-Termin zur Beurkundung des Kaufvertrages über den Techno Terrain Teltow trumpften die Männer der Unternehmensgruppe Roland Ernst auf: Sie forderten eine Nachbesserung der Kaufverträge. Sie pokerten so hart, dass der Direktor der Treuhand-Anstalt die Zustimmung von ganz oben einholen musste. Kaum hatte er den Raum verlassen, da zückte einer der Männer die Brieftasche, wedelte mit einem Tausend-Mark-Schein und rief: "Hier ist das erste Eigenkapital für die neue Gesellschaft, wer zieht mit?" Die Männer gewannen das Spiel um den Techno Terrain zunächst.

Später ließ sich die Immobilie jedoch schwer vermieten. Genauso schlecht wie andere Projekte im Gesamtwert von acht Milliarden Mark. Deshalb ging die ErnstGruppe im Mai in den Konkurs. Davor konnten sie auch keine angeblichen Schmiergeldzahlungen zur Werbung von Mietern bewahren. Im Gegenteil, wegen "Bestechung im Geschäftsverkehr", Untreue und Beihilfe zur Steuerhinterziehung muss sich der "einschlägig vorbestrafte" 64-jährige Roland Ernst an diesem Montag vor dem Landgericht Bochum verantworten.

Drei Monate bis fünf Jahre Haft beträgt das Strafmaß für Bestechung, ähnliches gilt für Untreue. Vorstrafen, so Paul Schossier vom Landgericht Bochum, erhöhen in der Regel das Strafmaß. Die Bochumer Richter werden sich also an ein Urteil aus dem Juni 1996 erinnern: Wegen Beihilfe zur Untreue wurde Ernst im Zusammenhang mit dem Konkurs der ostdeutschen Molkerei Sachsenmilch zu einer Geldstrafe von 630 000 Mark verurteilt; Ernst hatte als Generalunternehmer den Neubau einer Molkerei in Leppersdorf bei Dresden abgewickelt.

Untreue wird ihm nun erneut zur Last gelegt, und zwar im Fall des Frankfurter Gallusparks. Ernst selbst hatte eingeräumt, dass er einem Geschäftsführer der Bahn eine Provision gezahlt habe, damit die Gesellschaft in seine lange leer stehende Immobilie am Bahnhof der Mainmetropole zog. Die Maßnahme verfehlte ihre Wirkung nicht: Die Deutsche Bahn Immobilien Gesellschaft (DBI) sitzt heute noch in dem restaurierten Altbau - doch dessen Ex-Chef, Alexander May, ist wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit mit angeklagt im Ernst-Prozess.

Der dritte Angeklagte ist der Immobilienmakler Rolf Rietz. Er brachte die Affäre ins Rollen, nachdem er in der Untersuchungshaft schwere Vorwürfe gegen Ernst erhoben hatte. Rietz soll Rechnungen über Maklerprovisionen an das gemeinsame Unternehmen von Roland Ernst und Philip Holzmann in Rechnung gestellt haben. Das Geld soll Rietz dann an Ernst zurückgezahlt haben, der die Millionen anschließend Bahn-Manager Alexander May und seinem Ex-Mitarbeiter und heutigen Mitangeklagten Horst Hadergasser zukommen ließ. Später unterzeichnete May den Mietvertrag für die Büros im Galluspark. Deshalb wirft die Staatsanwaltschaft May und Hadergasser "Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr" vor.

Ernst wird nicht nur der Bestechung, sondern auch der Untreue gegenüber seinem ehemaligen Partner Holzmann verdächtigt. Der Baukonzern soll von den umgeleiteten Provisionszahlungen nichts gewusst haben; das Geld aber kam aus der gemeinsamen Gesellschaft von Holzmann und Ernst.

Welches Urteil die Richter nach dem zunächst auf drei Tage angesetzten Prozess auch treffen, der tiefe Fall des wohl schillerndsten Projektentwicklers der letzten Dekade ist nicht mehr aufzuhalten. Sein Insolvenzverwalter Gerhard Walter bezifferte die Schulden von Ernst vor einigen Wochen auf 450 Millionen Mark. Die Rosinen aus dem Kuchen der Ernst-Gruppe waren bereits im vergangenen Jahr an die Adler AG gegangen, eine Tochter des Immobilienkonzerns HBAG. Die Zeche bei anderen Projekten dürften Banken im Rahmen von Wertberichtigungen auf Immobilienengagements bezahlt haben. Spektakuläre Beispiele sind das Quartier 207 in der Berliner Friedrichstraße und die Park-Kollonaden am Potsdamer Platz. Zu Ernsts Kreditgebern zählten die Dresdner und die Hypo-Vereinsbank. Ein Sprecher bestätigte dem Tagesspiegel, dass die Hypo-Vereinsbank ihre Ernst-Engagements auf 200 Millionen Euro zurückgefahren hat. Weil Ernst bei seinen Projekten sehr oft Banken als Teilhaber ins Risiko lockte, munkelte die Branche lange, "der wird nie stürzen".

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