Wirtschaft : Prozeß im größten Ost-Betrugsfall eröffnet

BERLIN (jm). Der Prozeß um den womöglich größten Betrugsfall bei der Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft hat am Freitag vor der Berliner Wirtschaftsstrafkammer begonnen. Auf der Anklagebank sitzen drei ehemalige Geschäftsführer der WBB Wärmeanlagenbau GmbH, Berlin. Ihnen wird zur Last gelegt, das ehemalige DDR-Unternehmen bewußt bankrott gewirtschaftet zu haben. 240 Mill. DM sollen verschoben worden sein. Die 500 Seiten umfassende Anklageschrift wirft den Angeklagten Betrug und Untreue vor.Außer den beiden Managern wird ein Hamburger Rechtsanwalt angeklagt, der dabei geholfen haben soll, die Millionen beiseite zu schaffen. Den vermutlichen Drahtzieher des Betruges hat man damit allerdings nicht vor das Berliner Landgericht gebracht: WBB-Chef Michael Rottmann wird seit vier Jahren international gesucht und soll Gerüchten zufolge zuletzt in Südafrika gesehen worden sein.Die WBB, einst DDR-Monopolbetrieb für Heizkraftwerke und Fernwärmeleitungen mit dem klangvollen Beinamen "Deutsch-sowjetische Freundschaft" war nach dem Zusammenbruch der DDR von der Treuhandanstalt als GmbH neu gegründet worden. Mit einem Stammkapital von vier Mill. DM war das Unternehmen ins Handelsregister eingetragen worden. Das Barvermögen soll sich zu der Zeit auf 150 Mill. DM belaufen haben, daneben habe die Firma noch lukrative Immobilien besessen. Trotzdem war die WBB im Jahr 1991 für nur zwei Mill. DM von dem Schweizer Unternehmen Chematec AG gekaut worden.In diesem Zusammenhang sind die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft jetzt vielfältig: Einerseits sollen die damaligen WBB-Geschäftsfüher die Vemögenszahlen der Firma gefälscht haben, um den Kaufpreis zu drücken. Zum anderen hätten sie die hochverschuldete Firma Chematec, deren Besitzer sie selbst sind, als solventes Unternehmen dargestellt. Die Treuhand hatte daraufhin auf gründliche Bonitätprüfungen verzichtet. Der dritte Vorwurf bezieht sich auf die Zeit nach dem Kauf: Die Manager sollen WBB in den folgenden drei Jahren systematisch heruntergewirtschaftet und sich dabei persönlich bereichert haben. Ende 1994 kam dann die Gesamtvollstreckung.Anfang 1991 waren bei der Wärmeanlagenbau Berlin noch rund 1200 Mitarbeiter beschäftigt. Das neue Management zergliederte die WBB und reduzierte die Zahl der Beschäftigten schon in den kommenden Jahren um über 900 auf 250 Beschäftigte. Ende 1994 soll das Unternehmen nur noch eine Briefkastenfirma gewesen sein. Tatsächlich hätten die Teilunternehmen schon einer Holding in Liechtenstein angehört.Die Anklageschrift wurde zum Prozeßauftakt von der Verteidigung scharf angegriffen. Rechtsanwalt Walter Venedy wies den Vorwurf einer planmäßigen Ausschlachtung zurück. Schließlich sei die Treuhandanstalt während der Privatisierungsverhandlungen über die Plänen der zukünftigen Unternehmer informiert worden. Der Anwalt erklärte weiter, daß seine Mandanten versucht hätten, den Betrieb der Marktwirtschaft anzupassen. Dafür seien Millionenbeträge investiert worden. Die Staatsanwaltschaft hingegen behauptet, daß die Angeklagten Anfang 1995 die zur WBB gehörenden Immobilien in Berlin und Leipzig für knapp 147 Mill. DM verkauft hätten, um Hypothekenschulden einlösen zu können. Die Immobilien sicherten Bankdarlehen, die die Geschäftsführer seit Sommer 1991 aufgenommen und in das Ausland transferiert haben sollen.Wo das Geld hinfloß, scheint weiterhin unklar zu sein. Bis auf Teilbeträge scheinen die 240 Mill. DM unauffindbar zu sein. So wird vermutet, daß Geschäftsführer Rottmann allein im Sommer 1993 14 Mill. DM für sich auf die Seite gebracht haben soll. Der Diplomingenieur aus Essen floh im Juni 1995 vor Gericht und Gläubigern mit seiner Familie ins Ausland. Er soll aber in den folgenden Jahren den Kontakt zu seinen vermutlichen Komplizen per E-Mail gehalten haben. Konkrete Anhaltspunkte über seinen momentanen Aufenthaltsort lassen sich daraus nicht schließen.

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