Wirtschaft : Psychologische Hürden

MICHAEL GRÖMLING

Die flaue Nachfrage ist weniger ein EinkommensproblemVON MICHAEL GRÖMLING

Der Schwung der deutschen Konjunktur reißt derzeit niemanden vom Hocker.Das voraussichtliche Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 2,5 Prozent in diesem Jahr kann nur mit massiver Hilfe vom Ausland erreicht werden.Während die Exporte boomen, tritt die Konsumkonjunktur auf der Stelle.Die Zurückhaltung der deutschen Verbraucher ist in erster Linie psychologischer Natur.Für die größte Unruhe sorgt hierbei der permanente Steuer-Hickhack.Die Diskussion um den Solidaritätszuschlag, um höhere Verbrauchssteuern und weiter steigende Sozialversicherungsbeiträge nagt am Vertrauen.Ferner beeinträchtigen die Rekordstände bei der Arbeitslosigkeit über zwei Wege den privaten Verbrauch: Zum einen sinkt mit jedem weiteren Arbeitslosen die Kaufkraft.Zum anderen dämpft die Angst, selbst arbeitslos zu werden, die Kauflaune. Anders als es die verteilungspolitische Diskussion derzeit vermuten läßt, ist die flaue Konsumentwicklung weniger ein Einkommens- und Finanzierungsproblem.Um die allgemeinen Preissteigerungen bereinigt steigen die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte in Deutschland in diesem Jahr um 1,3 Prozent.Damit sind die finanziellen Voraussetzungen für eine leichte Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Konsumnachfrage gegeben.Die Haushaltskassen werden aus mehreren Quellen gespeist: 1996 flossen rund 43 Prozent des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte von den Lohn- und Gehaltslisten in die Haushaltskassen.Fünf Jahre vorher waren es noch fünf Prozentpunkte mehr.Insgesamt nimmt die Bedeutung der Erwerbseinkommen zur Finanzierung des Konsums ab.Für 1997 wird ein Rückgang bei der realen Nettolohn- und Gehaltssumme von 2,4 Prozent erwartet.Der Anteil der Kapitaleinkünfte an den Haushaltsmitteln ist kontinuierlich gestiegen.Die entnommenen Gewinne der Selbständigen und die Vermögenseinkommen - Zinsen, Dividenden, Mieten - steuern inzwischen ein Drittel zum Budget der privaten Haushalte bei.Auch die kleinen Leute gehen hier nicht leer aus: Immerhin die Hälfte des Geldvermögens befindet sich im Besitz von Arbeitern, Angestellten und Beamten.Arbeitslose und Haushalte, die nicht arbeiten, verfügen über ein Drittel des Geldvermögens.Diese beiden Gruppen - also 93 Prozent der Haushalte - verfügen über rund 83 Prozent des Geldvermögens und der damit verbundenen Einkünfte.-Der Autor ist Mitarbeiter des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

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