Wirtschaft : Putin in der Villa Hügel: Zu Besuch bei Berthold Beitz

Jürgen Zurheide

Wladimir Putin kam Wolfgang Clement zuvor. Noch bevor der nordrhein-westfälische Ministerpräsident einem der einflussreichsten Manager der Republik seine Aufwartung machen konnte, hatte der russische Präsident seine Glückwünsche schon überbracht. Die Rotoren des Hubschraubers standen noch nicht ganz still, als Putin, begleitet von strahlendem Sonnenschein, aus dem Fluggerät hechtete und über die Wiese vor der Villa Hügel stürmte. "Ich wünsche Ihnen zu Ihrem Geburtstag alles erdenklich Gute", rief der Kreml-Herrscher dem nicht nur im Vergleich zu ihm hochgewachsenen Mann zu, der diese Huldigung mit sichtlicher Freude entgegennahm. Der alte, große Industrielle und Verwalter der Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, Gastgeber Putins für die nächsten Stunden, feierte seinen Geburtstag. Niemand, der die Szene vor den historischen Gemäuern der mächtigen Krupp-Villa im Essener Süden beobachtete, hätte auch nur darauf getippt, dass Beitz an diesem Tag das 88. Lebensjahr vollendet hatte.

Wenig später ehrten ihn Putin und Clement auf ihre Art: Sie baten den Testamentsvollstrecker des letzten Krupps mit in das Herrenzimmer der Villa, in dem eigentlich ein vier Augen-Gespräch zwischen den beiden Politikern vorgesehen war. Es ist nicht bekannt, ob sie bei dieser Gelegenheit etwas aus dem reichen Schatz an Anekdoten von Beitz gehört haben, der als einer der ersten Unternehmer nach dem zweiten Weltkrieg neue Beziehungsgeflechte zwischen Russen und Deutschen geknüpft hat. In der Tradition des von ihm vertretenen Hauses Krupp, das schon 1818 acht gusseiserne Münzstempel an das russische Finanzministerium geliefert hatte, war Beitz frühzeitig nach Moskau aufgebrochen. Er ließ sich bei seinen Kontakten zu den Herren im Kreml nicht durch die eine oder andere despektierliche Bemerkung von Konrad Adenauer aufhalten, der öffentlich Zweifel an der "nationalen Zuverlässigkeit" des Krupp-Mannes äußerte; was am Ende der 50er Jahre einer Beschimpfung der besonderen Art gleichkam. Und dennoch ließ sich Beitz nicht beirren, er holte für das Haus Krupp zahlreiche Aufträge ins Ruhrrevier. Als Willy Brandt seine neue Ostpolitik durchzusetzen versuchte, stand Beitz an seiner Seite - was ihn wiederum in einigen Unternehmer-Kreisen angreifbar machte.

Natürlich kannte Putin all diese Hintergründe, als er den Boden vor der Villa betrat. Bewusst hatte der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft den russischen Präsidenten hierhin eingeladen, um ihm Gelegenheit zu geben, die Spitzen der Wirtschaft zu stärkerer Zusammenarbeit zu animieren. Im Gegensatz zu seiner Rede im Bundestag wählte Putin dieses Mal allerdings seine Muttersprache. "Schließlich wollen wir hier über ernsthafte Dinge reden und nicht über Politik", scherzte er zu Beginn seines Vortrages, in dem er ein optimistisches Bild der mit bald sechs Prozent immer noch stark wachsenden heimatlichen Wirtschaft zeichnete. Die hochkarätigen Gäste im Auditorium, die Spitzen der deutschen Industrie und Banken waren dem Ruf nach Essen gefolgt, horchten auf, als Putin noch einmal mit den niedrigen Steuersätzen warb. Bei 24 Prozent liegt zur Zeit die Gewinnsteuer: "Und das ist einer der niedrigsten Steuersätze in Europa", rief Putin aus, bevor er hinzufügte, "auch im Bankenbereich".

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