Wirtschaft : Qiagen: Biotech-Pionier mit Weltgeltung

Maren Peters

Ohne Tomaten wäre Metin Colpan vielleicht nie auf die Idee gekommen, eine Firma zu gründen. Und das kam so: Anfang der achtziger Jahre hatte sein Doktorvater ihm die Aufgabe gestellt, die Röntgenstrukturanalyse eines Virus anzufertigen, der Tomatenpflanzen befällt. Um mindestens zwei Milligramm der Erbgutsubstanz zu erhalten, hätte der Doktorand mindestens fünf Tonnen Tomatenblätter verarbeiten müssen und wäre auf Jahre beschäftigt gewesen. Colpan hatte eine andere Idee: Statt sich durch haushohe Tomatenblätter-Berge zu wühlen, entwickelte er lieber ein effizienteres Verfahren, um das Erbgut zu gewinnen. Die neue Methode verringerte den Aufwand von drei Tagen auf zwei Stunden. Colpan hatte einen Volltreffer gelandet: Seine 1984 gegründete Firma Qiagen - eine der Pioniere der Branche in Deutschland - zählt heute zu den erfolgreichsten Biotech-Unternehmen der Welt.

Der Grund ist simpel. Die niederländische Firma mit der Chefetage in Hilden bei Düsseldorf liefert die "Hacken und Schaufeln", die die "Goldgräber" der Biotech-Branche brauchen - jene Unternehmen, die auf der Grundlage des menschlichen Genoms neue Medikamente entwickeln wollen. Qiagen ist heute Weltmarkt- und Technologieführer bei der Aufreinigung des Erbmoleküls DNS und hat dieses Wissen durch zahlreiche Patente gegen die Konkurrenz abgesichert.

Die Aussichten sind glänzend. "In dem relevanten Markt mit einem Volumen von rund einer Milliarde US-Dollar und 15 Prozent Wachstumsrate besitzt Qiagen einen Marktanteil von rund 15 Prozent", schreiben Analysten der DG-Bank in einer Studie. Und auch der Vorsprung gegenüber der Konkurrenz ist komfortabel: Qiagen ist 20 Mal größer als der nächstgrößte Wettbewerber. Ernst zu nehmende Konkurrenten gibt es im Kerngeschäft nicht. Auch eine Sättigung der Nachfrage nach der Nukleinsäure-Aufreinigung ist Branchen-Experten zufolge nicht in Sicht. Denn die große Zeit der Biotechnologie ist nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms gerade erst angebrochen, der große Boom steht noch bevor. Davon wird Qiagen unmittelbar profitieren.

Seit Jahren Gewinne

Ein Grund, warum Qiagen die meisten Analysten ins Schwärmen geraten lässt, ist - neben dem guten Geschäftsmodell -, die Tatsache, dass das Unternehmen bereits seit einigen Jahren Gewinne schreibt und die Erwartungen meist übertrifft. Das ist in der noch jungen Branche eine große Ausnahme. Im vergangenen Jahr steigerte Qiagen den Umsatz um 29 Prozent auf 214 Millionen Dollar. Das Ergebnis nach Steuern verbesserte sich um 44 Prozent auf 20,9 Millionen Dollar. Davon haben auch die Anleger profitiert: Der Gewinn pro Aktie (nach einer Kapitalerhöhung) lag im vergangenen Jahr bei 0,14 Dollar.

Auch für das Jahr 2001 prognostizieren Analysten der DG-Bank einen Umsatzanstieg um 36 Prozent um 292 Millionen Dollar und eine Verbesserung des Ergebnisses pro Aktie auf 55 Prozent auf 0,26 Dollar. Auch das Bankhaus Sal. Oppenheim rechnet mit einem Umsatzwachstum von 40 Prozent im laufenden Jahr, das sich bis 2005 auf 30 Prozent einpendeln werde. Das Nettoergebnis werde überproportional zulegen, da das Unternehmen seine Kosten schrittweise senke, heißt es weiter.

"Das ist ein grundsolides Unternehmen", sagt eine Analystin von Merck & Finck. Das Management sei hochqualifiziert und sehr erfahren, die Vertriebsmannschaft sei ebenfalls ausgezeichnet. Zum Management gehört neben dem Biochemiker Metin Colpan seit gut acht Jahren auch Finanzvorstand Peer Schatz, der zuvor ein Computer-Unternehmen aufgebaut hatte. Mitgründer Carsten Henco hat das Hildener Unternehmen inzwischen verlassen und die Biotech-Firma Evotec aufgebaut.

Was Beobachter außerdem loben, ist die konsequente Wachstumsstrategie des Unternehmens. Im vergangenen Jahr kaufte Qiagen die kalifornische Biotech-Firma Operon zum Preis von rund 110 Millionen Dollar. Operon ist einer der führenden Hersteller von künstlicher DNA und RNA. Da jedes Labor, dass Genforschung betreibt, solche künstlichen Erbgut-Moleküle braucht, hat Qiagen mit der Übernahme Zugang zu einem der am schnellsten wachsenden Marktsegmente in der Branche bekommen.

Kluge Übernahmen

Durch den Kauf der Firma Rapigene vor zwei Jahren und eine Kooperationen unter anderem mit dem amerikanischen Biochip-Hersteller Affimetrix und der Schweizer Zeptosens hat Qiagen außerdem die Möglichkeit, Biochips in hoher Qualität zu produzieren. Sie gelten ebenfalls als einer der wichtigsten Zukunftsmärkte der Branche. Die Übernahmen und Kooperation sind auch darum sehr klug eingefädelt, weil Qiagen durch sie denselben Kundenkreis anspricht wie davor. So kann das Unternehmen von Synergien bei der Vertriebsmannschaft profitieren.

Firmengründer Metin Colpan hat immer betont, dass er nie eigene Medikamente entwickeln will. Das ist einerseits ein Vorteil, weil Qiagen - im Gegensatz zu vielen anderen Biotech-Firmen - nicht nur von einem einzigen Produkt abhängig ist. Dadurch sinkt das Risiko, das die langwierige und sehr teure Medikamenten-Entwicklung mit sich bringt. Gleichzeitig sinken aber auch die Gewinnaussichten des Unternehmens. Denn wenn es einem Unternehmen gelingt, tatsächlich ein Medikament auf den Markt zu bringen, sind ihm ausgezeichnete Margen so gut wie sicher. "Dieses gigantische Gewinnpotenzial kann Qiagen nicht bieten", sagt einen Analystin.

Insgesamt jedoch schneidet Qiagen in der Bewertung sehr gut ab. Das am Neuen Markt und der US-Nasdaq gelistete Unternehmen gilt als eines der wenigen Blue-Chips im Biotechnologie-Index. Daran ändert auch der starke Kursverlust der letzten Monaten nichts. Am Freitag notierte das Unternehmen am Neuen Markt bei 23,90 - weit entfernt von den Höchstständen des vergangenen Jahres, wo der Kurs bei rund 56 Euro notierte. Damals galten allerdings Ausnahmebedingungen: Es war die Zeit des ersten großen Biotech-Hypes, der sich inzwischen wieder gelegt hat. Grund zur Sorge sollte das nicht sein. Analysten sind sich sicher, dass Qiagen wieder zulegen wird, sobald der Markt sich dreht.

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