Wirtschaft : Qualität ist dicht

Bei der Outdoor-Messe in Friedrichshafen zählen Material und Funktionalität

Walter Nägele
Regenschutz. Rund 7000 Zelte hat Wechsel Tents aus Berlin im vergangenen Jahr verkaufen können. Foto: Messe Friedrichshafen
Regenschutz. Rund 7000 Zelte hat Wechsel Tents aus Berlin im vergangenen Jahr verkaufen können. Foto: Messe Friedrichshafen

Friedrichshafen - Strömender Regen in Friedrichshafen am Bodensee. Dennoch ist Jörg Schulze bester Laune. Der Geschäftsführer des Berliner Zeltherstellers Wechsel Tents weiß, dass sich seine Zelte bei einem solchen Wetter besonders gut verkaufen. „Die Facheinkäufer der Branche lassen sich nicht von bunten Farben blenden, sondern achten auf Verarbeitungsqualität und Funktionalität. Bei so einem Regen trennt sich dann die Spreu vom Weizen“, erklärt er.

Rund 20 000 Fachhändler werden auf der Outdoor-Messe, die am Donnerstag begann, bis Sonntag erwartet. Neue Thermo-Technologien werden dort ebenso vorgestellt wie trendige Sportarten, etwa das Cross-Boccia, das mit weichen Kugeln auf jedem Gelände gespielt wird. Für Jörg Schulze ist die Messe eine angenehme Pflichtaufgabe: Das Geschäft läuft gut. 2010 wurden europaweit 9,6 Milliarden Euro im Outdoor-Sektor umgesetzt, Tendenz steigend.

Seit 1995 hat Wechsel Tents seinen Sitz in Mariendorf im Süden Berlins. Aus dem Ein-Mann-Startup ist inzwischen ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 700 000 Euro geworden. Wechsel ist ein Musterbeispiel für den generellen Branchentrend. Unternehmen mit funktionalen Produkten und einem ausgeprägten Qualitätsbewusstsein sind auf Wachstumskurs. Etwa die Hälfte des Branchenumsatzes wird mit Funktionsbekleidung gemacht, angefangen bei Unterwäsche und Socken bis hin zur High-End-Jacke für die Arktis-Expedition. Auf den Ausrüstungsbereich, zu dem auch Schulzes Zelte zählen, entfallen immerhin 28 Prozent des Gesamtumsatzes. In ganz Europa gingen im vergangenen Jahr gut zwei Millionen Zelte über den Ladentisch. Rund 7000 Stück davon trugen das Logo von Wechsel Tents.

Um am Markt gegen die großen Hersteller zu bestehen, ist Einfallsreichtum gefragt. Weil die Berliner Zelte nur über den Handel und nicht direkt über die Firma zu beziehen sind, tritt Schulze auf anderem Weg mit seinen Kunden in Kontakt. Gemeinsam mit den Nutzern eines Internetportals entwickelte er ein Zwei-Mann-Zelt, das seither zur festen Produktpalette gehört.

Auch die meisten Fotos im aktuellen Katalog stammen von Kunden, die sich an exotischen Orten mit ihrem Zelt fotografiert haben. Ein reger Austausch mit den Käufern ist in der gesamten Branche gang und gäbe. So haben zahlreiche Unternehmen von ihren Kunden erfahren, dass ihnen Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung wichtig sind. Wer beim Fachhändler 500 Euro für eine Funktionsjacke oder ein Zelt bezahlt, möchte auch, dass die Arbeiter in Vietnam, China und Myanmar vernünftig bezahlt und beschäftigt werden. „Wir fertigen in China in den gleichen Fabriken wie die großen Unternehmen der Branche“, sagt Schulze. „Die haben dort wichtige Standards bei Arbeitnehmerrechten und Bezahlung gesetzt.“

Trotz Wirtschaftskrise rechnet der Verband der europäischen Outdoor-Branche für das kommende Jahr mit Zuwachsraten von sechs Prozent, in Deutschland sogar noch darüber. Jörg Schulze aber bleibt bescheiden. „Wir wachsen viel langsamer. Ein gutes Zelt hat man fünf bis zehn Jahre und bei den jüngeren Generationen liegt Zelten nicht mehr so im Trend.“ Trotzdem macht er einen zufriedenen Eindruck. Immerhin sitzt er im eigenen Zelt trotz strömenden Regens im Trockenen.Walter Nägele

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