Qualitätsprobleme : Bahn-Chef Grube mahnt Verantwortung der Industrie an

Siemens ist bei der Lieferung von 16 ICE-Zügen im Verzug. Bombardier müht sich, für seine fertigen Talent-2-Bahnen eine Zulassung zu bekommen. Immerhin sprechen Bahn und Hersteller über das Problem.

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Einzigartig. In keinem anderen europäischen Land ist das Zulassungsverfahren für Züge so komplex wie in Deutschland.
Einzigartig. In keinem anderen europäischen Land ist das Zulassungsverfahren für Züge so komplex wie in Deutschland.Foto: dpa

Die Deutsche Bahn sieht die heimischen Zughersteller in einer existenziellen Krise. „Wenn wir so weitermachen, werden wir in einem Zustand leben, in dem die Bahnindustrie nicht mehr vorkommt“, warnte Vorstandschef Rüdiger Grube am Donnerstag in Berlin. „Wir erleben den Beginn der Abschaffung dieser Industrie.“ Die einfachsten Dinge bekämen die Hersteller „nicht gebacken“. Die Bahn sorge sich, „dass wir bald einem Monopol ausgesetzt sind“. Sie habe jeden Tag enorme Probleme, genug Züge auf die Schiene zu bringen. „Wir pfeifen auf dem letzten Loch“, sagte Grube.

Was den Bahn-Chef umtreibt, sind die Qualitätsprobleme der Hersteller: Siemens ist bei der Lieferung von 16 ICE-Zügen mehr als ein Jahr im Verzug, Stadler bekommt keine Genehmigung für seine Regionalzüge, die der Bahnkonkurrent ODEG in Brandenburg einsetzen will. Bombardier müht sich seit Jahren, für seine fertig produzierten Talent-2-Bahnen eine Zulassung zu bekommen. Bereits das dritte Jahr in Folge stehen bis zu 30 Prozent der Jahresproduktion auf Abstellgleisen. Die Folge: massiver Frust der Fahrgäste, die sich mit alten oder zu engen Zügen oder ausgedünnten Fahrplänen herumärgern. Und die Hersteller wie die Betreiber werden zu hohen Strafzahlungen verdonnert.

Immerhin sprechen Bahn und Hersteller über das Problem. Auf einer Art Gipfeltreffen am Donnerstag beklagten beide Seiten den Status quo. Die Lage sei „absolut unbefriedigend“, sagte Michael Clausecker, Präsident des Branchenverbandes, und forderte Strukturveränderungen. Damit zielte er auf das Eisenbahn-Bundesamt (EBA). Die Bonner Behörde sei chronisch unterbesetzt, und die Prüfer lebten in ständiger Angst, weil sie für Testate persönlich hafteten. Die Beamten brauchten zu lange für die Zulassung neuer Züge, änderten immer wieder Vorschriften und Normen, auch für längst produzierte Bahnen, prüften Innovationen detailversessen und mitunter mehrfach. „Der Aufwand für die Zulassung in Deutschland ist zehnmal größer als in jedem anderen europäischen Land“, urteilte Clausecker.

Bahn und Bahnindustrie haben sich in anderen Branchen umgesehen und festgestellt, dass die Luftfahrt und der Autosektor es besser machen. Vor allem die Flugzeughersteller, wo er 40 Jahre seines Berufslebens verbracht hat, findet Grube vorbildlich. Dort dürfen die Hersteller viele Sicherheitsnormen selbst überprüfen, die Behörden nehmen nur noch Stichproben. Ein Flugzeug, das in einem europäischen Land zugelassen ist, darf automatisch in jedem anderen Land des Kontinents fliegen. Das Eisenbahn-Bundesamt selbst reagierte zwar aufgeschlossen, aber auch zurückhaltend auf diese Art von Vorbild. „Natürlich ist eine solche Struktur denkbar“, sagte Gerald Hörster, der Präsident der Behörde. Allerdings sei die Technik bei der Bahn komplizierter als bei Jets oder Autos. „Schließlich tragen wir die Verantwortung.“

Mit der Lage sei man allerdings „auch nicht zufrieden, die Nerven liegen blank bei Betreibern und Herstellern“. Zwar hat der Gesetzgeber die Zulassung von Eisenbahnen jüngst vereinfacht, doch die Verantwortung sei schließlich gesetzlich geregelt. Hier sprang ihm Hans-Werner Franz zur Seite, der Chef des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg. „Es läuft katastrophal. Im Eisenbahn-Sektor fehlt die politische Steuerung.“ Das zeige auch die Besetzung des Gipfeltreffens – zur Diskussion mit den Chefs von Bahn und Industrie hatte Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) lediglich einen Unterabteilungsleiter geschickt.

Bahn-Chef Grube erinnerte aber auch die Industrie an ihre Verantwortung. Jeder neue Zug weise dreistellige Fehlerzahlen auf, weil die Hersteller oft neu entwickelten, statt bewährte Technik zu nutzen. Auch sei die Produktion zu wenig standardisiert, anders als bei den Autobauern mit ihrer Plattformstrategie. Speziell für jeden Kunden gebaute Züge führten zu längeren Zulassungsprozessen.

Der Manager forderte vom EBA und von der Industrie einen Kurswechsel. „So kann es nicht weitergehen.“ Man müsse sich dringend an einen Tisch setzen und Kompromisse machen, sonst seien die Probleme auch Weihnachten 2013 noch ungelöst. Und sein Technik-Vorstand Volker Kefer ergänzte: „Es kann nicht sein, dass nur eine nicht fahrende Bahn eine sichere Bahn ist.“

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