Quelle : Bühne der Abschiede

Es kann sein, dass sie plötzlich weinen muss. Mitten in der Vorstellung. Denn was sie zu sagen hat, ist zum Heulen. Jahrelang hat sie bei Quelle gearbeitet. Dann kam die Pleite, die Arbeitslosigkeit. Jetzt ist ein Theaterstück daraus geworden. Heute wird es in Fürth aufgeführt. Wahrscheinlich ist Monika Follmer nicht die Einzige, der die Tränen kommen

Monika Goetsch[Fürth]
Theaterstück ehemaliger Quelle-Mitarbeiter
Die ehemaligen Quelle-MitarbeiterWinfried Lernet, Monika Follmer und Beatrix Zenser bei den Proben für ein Theaterstück über das...Foto: dpa

Beatrix Zensner hat in den vergangenen sechs Jahren im Callcenter bei Quelle gearbeitet. Sie war Betriebsrätin. Auf einer Theaterbühne stand die 42-Jährige noch nie. Ihre Knie zittern darum ein wenig, als sie probehalber zur Bühne des Fürther Stadttheaters hinaufsteigt. Sie sieht in den Saal. All die Plätze. Das satte Rot, das Gold, das Weiß. „Schon erhebend“, findet sie. „Die Bretter, die die Welt bedeuten.“ Sie lacht. Man sagt das so. Aber irgendwie stimmt es ja auch. Für einen Abend.

Heute, am 1. Februar, wird der Saal gefüllt sein. Man darf annehmen: bis auf den letzten seiner 730 Plätze. Auch dann steht Zensner auf der Bühne. Mit ihrer Wut. Mit ihrer Verzweiflung. Für ein paar kurze Momente auch: mit ihrem Humor.

Eine Kollage aus Texten, Gedichten und Liedern ist geplant, der unprätentiöse Titel: „Die Menschen von Primondo/Quelle“.

Johannes Beissel, 37, groß, schmal, ein sanfter, ernsthafter Mensch, hat das Konzept des Abends entwickelt. Er ist nicht Regisseur, sondern seit zehn Jahren Theaterpädagoge. Vergangenes Jahr hat er mit Jugendlichen ein Stück zum Thema Migration erarbeitet. Im Sommer hatte es beim Treffen der Bayerischen Theater-Jugendclubs an den Münchner Kammerspielen Premiere. „Ich hab gemerkt, dass ich das kann“, sagt er. Er macht gern dokumentarisches Theater. Eines, das vor der Wirklichkeit nicht flieht. Sondern mit dem umgeht, was da ist. „Weil das Theater ein Ort ist, an dem sich Menschen treffen.“

Diesmal geht es um „Trauerarbeit“.

„Wenn sich eine große menschliche Katastrophe vor der Tür ereignet, muss das Theater darauf reagieren“, sagt Beissel. Betroffenheitstheater also? „Das sagt man so abwertend. Ich hab gar nichts gegen Betroffenheit. Natürlich will ich berühren. Wenn’s schwer und traurig wird, wird’s schwer und traurig. Na und?“

Noch im Mai vergangenen Jahres war die Quelle einer der größten Sponsoren des Stadttheaters in Fürth, man versorgte Hauptschulkinder mit kostenlosen Tickets, förderte das Kinder- und Jugendtheater. Man könnte fragen, ob sich das Theater schon früher hätte für die Quellemitarbeiter einsetzen müssen. Damals, als es die Quelle noch gab. Beissel winkt ab: „Es ist nie zu spät, einem Menschen einen Teil seiner Würde zurückzugeben.“

Also hat er ehemalige Quellemitarbeiter dazu eingeladen, Texte zur Gestaltung eines Theaterabends zu schicken, Gedichte, Lieder, Persönliches. Zehn haben geantwortet, darunter Beatrix Zensner, die ihren Text im Verdacht hatte, nicht gut genug zu sein. Beissel hat sie beruhigt. Niemals hätte er einen Text abgelehnt. „Erst rausgeworfen werden, dann auch noch abgelehnt: Das wäre pervers.“ Ihm war klar, „dass die meisten Texte recht pur sein würden. Sehr biografisch. Das hatte ich erwartet. Aber ich finde sie erstaunlich gut geschrieben.“

Es wird, bevor man 400 Liter Freibier ausschenkt und bis tief in die Nacht feiert, eine Powerpointpräsentation und eine Klangschalenperformance geben, eine Band ehemaliger Quellemitarbeiter spielt mehrere eigene Songs, der Autor Ewald Arenz steuert ein Gedicht bei, und dann sind da noch die Texte der Betroffenen.

Unter den Autoren ist auch Josef Bößl, 57, gelernter Bilanzbuchhalter und Industriekaufmann, 31 Jahre lang Sachbearbeiter bei der Quelle. Er hat seinen Text gleich mehrfach geschickt, per Mail und per Post, damit er auch wirklich ankommt.

Im grauen Rollkragenpullover sitzt Bößl im Probenraum. Alles ist schwarz, die Wände, die Decke, der Boden, der Tisch, auf dem das Manuskript liegt. Bößl hat sich entschieden, seinen Text nicht selbst zu lesen, darum ist zur Probe auch der Nürnberger Schauspieler Hannes Seebauer gekommen, ein ruhiger, weißhaariger Mann mit väterlicher Stimme. Alle Beteiligten, sagt Theaterpädagoge Beissel, werden am Anfang auf der Bühne sitzen – auf Quellekatalogen. Das Theater hat sich gleich im Oktober 500 davon gesichert, je 15 aufeinandergestapelt ergeben einen schönen Hocker. Ein kleiner Film soll zur Einstimmung die Geschichte der Quelle zusammenfassen. Dann, so steht es auf dem Blatt „Ablauf Quelle-Abend“, gehen die Darsteller ab. „Leere Bühne ca. zwei Minuten.“

„Abschied“ heißt der Text von Bößl, „ein Stück von großer Schlichtheit“, sagt Beissel, „und gerade deshalb so stark“. Bößl vergleicht darin den Orkan Wiebke, der vor fast 20 Jahren über Süddeutschland hinwegfegte, mit „jenem Orkan, der in den letzten Monaten über Fürth und Nürnberg tobte und Tausende Arbeitsplätze hinwegfegte, womit für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erst der Albtraum begann“. Es ist ganz still im Probenraum. Bößl sitzt da, die Hände ineinander gefaltet. Er hört die eigenen Worte, die jetzt, mit Seebauers Stimme, zu schweben scheinen. Und man sieht, wie sehr ihn das alles schmerzt.

„Ich stieg die Treppe des U-Bahnhofes Eberhardshof hinunter“, liest Seebauer, „und auf der anderen Straßenseite wieder hoch. Durch die gläserne Eingangstür des Einkaufszentrums sah ich zahlreiche Menschen in den Gängen und an den Wühltischen stehen – der Ausverkauf war voll im Gange. Die ganze Situation erinnerte mich an Leichenfledderei. An diesem Tag wurde mir kurz vor Feierabend mitgeteilt, dass ich ab 1. November 2009“, Seebauer zögert für den Bruchteil einer Sekunde, „freigestellt bin.“

Stille. Dann das Chorstück „A clare benediction“. Wie es sich Bößl gewünscht hat. „Möge Gott sein Erbarmen dir schenken/und das Licht seiner Gegenwart dich führen.“ Wenn man ganz tief in einem Loch sitzt, sagt Bößl, „hält man sich an irgendwas fest.“ Für ihn war dieses Etwas zum Festhalten das Stück des englischen Komponisten John Rutter.

Soll Seebauer die Übersetzung des Stücks einmal oder zweimal lesen, will der Theaterpädagoge wissen. „Einmal“, meint Bößl. Darf Seebauer dem Publikum mitteilen, dass dieses Chorstück ein Trost für Bößl war? „In Ihren Mails haben Sie von Trost geschrieben“, sagt Beissel. Aber Bößl möchte das Wort Trost vermeiden. „Sagen Sie: Es hat mir geholfen, optimistischer in die Welt zu sehen.“ Beissel nickt. Gern hätte er „Trost“ gelassen. „Aber es ist Ihr Abend. Es ist für Sie. Sie können entscheiden, was Sie mit dem Publikum teilen und was nicht. Der Zuhörer“, fügt er dann hinzu, „wird ohnehin merken, dass es um Trost geht.“

Immer wieder erlebt Beissel während der Proben, dass jemand um Fassung ringt. Monika Follmer zum Beispiel, eine 50 Jahre alte Frau, ehemals Abteilung Kinderkollektion bei Quelle, kann ganze Passagen ihres als Märchen oder eher „Anti-Märchen, es geht ja schlecht aus“ angelegten Textes nicht lesen, ohne zu weinen. „Ich muss das noch ein paar Mal zu Hause üben“, sagt sie dann.

„Wir haben in den letzten Monaten“, wird sie sich zu Hause selbst wieder und wieder vortragen, „vor dem endgültigen Untergang und Aus noch alle wie die Löwen darum gekämpft. Es hat nichts genutzt, wir haben alles verloren, unsere Jobs und all die Menschen, die wir, verbunden mit unserer Arbeit bei Quelle, kennenlernen durften. Aber alles bleibt unvergessen, lebt in unseren Gedanken und Erinnerungen weiter, denn die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.“

Sie wird üben, betont zu lesen, und auf Wirkung bedacht, mit Pausen an den richtigen Stellen, ganz so, wie Beissel sie ermuntert hat. „Er hat mir gezeigt, wie man das erzählerisch, spielerisch vorträgt und die Zuschauer einbezieht.“ Wenn sie dann doch weinen muss, muss sie eben weinen. Sie hat ja die anderen. All die Kollegen, unten im Parkett. Die Kolleginnen ihrer Abteilung. Früher haben sie sich immer untereinander Zettelchen zugeschoben, kleine Gedichte, Grußworte, Aufmunterungen, weil das den Arbeitstag schöner macht. „Es werden sehr viele Kollegen im Saal sein, mit denen ich wie mit einer Familie zusammengelebt und -gearbeitet habe. Vor denen genier ich mich nicht.“

„Auch mir geht vieles sehr nahe“, sagt Beissel, „aber ein dickes Fell ist für Leute, die am Theater arbeiten, sowieso gefährlich. Ich kann nicht erwarten, dass die Zuschauer Empathie empfinden, wenn ich selbst nicht empathisch bin.“ Also geht er vorsichtig mit seinen Autoren um und fragend, er überarbeitet behutsam, lenkt ein wenig, strukturiert, unterstützt. Er weiß, dass er es mit Menschen zu tun hat, die eine Krise durchmachen, jeder für sich und doch alle zugleich.

Monika Follmer sagt: „Der Schutz ging verloren. Jetzt, wo ich daheim bin, fühle ich mich manchmal entwurzelt, wie in der Schwebe.“

Bößl sagt: „Von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr. Da liegt man wach und kann nicht mehr schlafen.“

Beatrix Zensner sagt: „Die Ungerechtigkeit verletzt, die Ohnmacht. Das Gefühl, so rücksichtslos und würdelos ausgenutzt und weggeworfen worden zu sein.“

Der Schritt, sich mit seinem Schmerz auf der Bühne zu zeigen, ist groß, und, so Bößl, „vielleicht auch irgendwie eine Therapie, für mehr Selbstbewusstsein“. Drei Stunden hat er an seiner Geschichte geschrieben. „Ich hab gedacht, das Schreiben hilft mir beim Verarbeiten.“ Und da Bößl immer gern geschrieben und schon an Schreibseminaren teilgenommen hat, erfüllt sich am 1. Februar auch ein alter Traum von ihm.

Eine Idee wachse aus der anderen, erzählt Beatrix Zensner, wenn sie mit dem Theaterpädagogen Beissel probe, all die Ideen, „wie ein Halm, der lauter kleine Blätter bekommt“. In ihrem Kampf als Betriebsrätin habe sie „viele Menschen kennengelernt, die wie Eis waren.“ So sehr sei sie der Kälte ausgesetzt gewesen, dass sie fürchten musste, „selbst zu verhärten“. Beissel sei da anders. „Es klingt komisch, aber: Er erhält meine Würde.“

Auf einer der Proben hat Zensner den Text eines ehemaligen Kollegen gelesen, ein Gedicht, das sie im Chor aufsagen werden. Es hat sie tief berührt. Sofort, erzählt sie, habe sie sich gefragt, „warum ich mir das antue“. Die Antwort gibt sie selbst: „Weil es die ehrlichste Art der Verarbeitung ist. Ich will die Dinge nicht wegschieben, sondern von allen Seiten beleuchten.“ Sie hofft, „dass ganz viele Leute von Quelle ins Theater kommen und Zugang zu ihren Emotionen finden. Denn im Kollektiv ist Trauer leichter zu bewältigen. Man kann sich stützen, nur durch einen Blick. Dafür muss ein Raum geschaffen werden.“

Beissel denkt bereits darüber nach, diesen Raum auch künftig bereitzustellen. Eine feste Theatergruppe für ehemalige Quellemitarbeiter im Haus könne er sich gut vorstellen, sagt er. Aber erst mal gilt es, den einen, großen Abend zu gestalten.

Der Hintergrund der Bühne wird während des Stücks sehr hell sein. Anfangs hat Beatrix Zensner darüber nachgedacht, sich ebenfalls hell anzuziehen. „Um mit der Wand zu verschwinden.“ Inzwischen ist sie selbstsicherer. „Vielleicht entscheide ich mich doch für was Farbiges.“

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