Quelle : Der letzte Akt

Nach dem Aus von Quelle geht es jetzt um die Zukunft der Karstadt-Warenhäuser. Ab Dienstag wird verhandelt.

David C. Lerch

Düsseldorf - „Verpflichtet, Werte zu schaffen.“ Diesen Leitspruch hatte sich der Firmenchef Thomas Middelhoff einst für Arcandor ausgedacht. In englischer Sprache selbstverständlich. Inzwischen wissen wir, dass nur sehr wenig von dem ehemaligen Handels- und Touristikimperium bleiben wird – wenn überhaupt etwas. Die Beteiligung an der britischen Reisetochter Thomas Cook ist längst an der Börse verkauft, die Versandsparte Primondo wird zerschlagen und deren Flagschiff Quelle mit Tausenden Arbeitsplätzen abgewickelt. Einzig die Warenhäuser von Karstadt sind noch geblieben.

Dort wird ab der kommenden Woche wieder verhandelt. Die 28 000 Mitarbeiter sollen zum wiederholten Mal einen Sparbeitrag leisten. Nach den Plänen des Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg soll Karstadt eigenständig saniert und durch Einsparungen bei Mieten, Lieferanten und Belegschaft möglichst attraktiv werden für einen neuen Investor. Am Freitag stimmte die Tarifkommission von Verdi für die Verhandlungen und für ein erstes Treffen am Dienstag. Bis zur Gläubigerversammlung am 10. November in Essen sollen zumindest die Eckpunkte für die Sanierung stehen.

Offiziell hat das endgültige Aus für Quelle keinen Einfluss auf die Gespräche bei dem Schwesterunternehmen. Doch das Gegenteil ist wohl der Fall. Wie ein Damoklesschwert schwebt das Schicksal der Franken über dem Essener Verhandlungstisch. „Es ist eine Katastrophe, was bei Quelle passiert ist“, sagte Hellmut Patzelt, Vorsitzender des Karstadt-Betriebsrates, dem Tagesspiegel am Sonntag. Viele Mitarbeiter der Warenhäuser fürchten seither ein ähnliches Schicksal wie das ihrer Kollegen bei Quelle. Vor allem aber wird ihr Vertrauen in die Insolvenzverwaltung gelitten haben. Görg hatte trotz zäher Verhandlungen stets von einer Zukunft der Versandsparte gesprochen, sein Statthalter in Fürth tat dies noch wenige Tage vor dem endgültigen Aus. Johann Rösch, Handelsexperte der Gewerkschaft Verdi wirft Görg inzwischen vor, nicht mit dem nötigen Nachdruck nach einem Investor gesucht zu haben. „Ich habe Zweifel, wie ernst das gemeint war, Primondo als Ganzes zu verkaufen“, sagte Rösch am Samstag.

Wie in der Vergangenheit bei Quelle, setzt Görg auch bei Karstadt weiterhin auf eine Gesamtlösung und nicht auf einen Verkauf der Einzelteile. Schon im Sommer hatte der Metro-Konzern mit dem Karstadt-Konkurrenten Kaufhof sein Interesse bekundet – allerdings nur an rund 60 der insgesamt 126 Filialen von Karstadt und Karstadt Sport. Auf Druck der Politik traf sich der damalige Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick kurz vor der Insolvenz im Juni mit Metro- Chef Eckhard Cordes. Seither liegen die Verhandlungen auf Eis. Immer wieder wurde Kritik laut, Görgs Fokus auf ein einheitliches Konzept für mindestens 100 der Warenhäuser verzögere eine tragfähige Lösung. Doch noch bleibt der Verwalter seiner Linie treu. „60 Häuser stehen nicht zum Verkauf. Deshalb führen wir keine Gespräche mit Metro“, sagte Görgs Sprecher Thomas Schulz.

Ein Interessent in der gewünschten Größenordnung ist bisher nicht bekannt, allerdings scheint es einige Anfragen bei der US-Investmentbank Merrill Lynch zu geben, die den Investorenprozess koordiniert. Auch die Insolvenzverwaltung sprach zuletzt von „mehreren Interessenten“.

Doch vor einem möglichen Verkauf steht die Sanierung und die Verhandlung über den Beitrag der Mitarbeiter. Das Treffen am Dienstag ist nicht das erste dieser Art. Erst im Herbst 2008 hatte Betriebsratschef Patzelt mit dem damaligen Vorstandschef Middelhoff den sogenannten Zukunftspakt ausgehandelt, mit Einsparungen beim Personal von jährlich 115 Millionen Euro. Der Vertrag sollte bis 2011 gelten, doch sein Name erwies sich als bittere Ironie. Middelhoffs Zukunft bei Karstadt dauerte nur noch bis Februar und die Insolvenz vier Monate später machte den Pakt obsolet.

Ab Dienstag geht es nun um eine Neuauflage und Verdi hat bereits die anvisierte Summe genannt. Von den Beschäftigten wolle Görg über drei Jahre verteilt zusätzlich 150 Millionen Euro, sagte die stellvertretende Vorsitzende Margret Mönig-Raane am Freitag. In welcher Form dies erbracht werden soll, etwa durch Kürzungen beim Urlaubs- oder Weihnachtsgeld, sei noch offen. Patzelt weist die Forderung nach zusätzlichen Einsparungen zurück: „Wir verhandeln maximal um die Größenordnungen, die wir 2008 schon mal hatten.“ Mönig-Raane wollte sich zur Position der Gewerkschaft bisher nicht konkret äußern. Lediglich einen Eingriff in die Monatsgehälter der Beschäftigten schloss sie aus.

Im Gegenzug wird die Gewerkschaft versuchen, möglichst viele Standorte zu erhalten. Derzeit prüfen die Verwalter explizit die Zukunftschancen von 19 Häusern. Es gilt als sicher, dass zumindest einige von ihnen geschlossen werden. Um welche Filialen es dabei geht, ist bisher nicht bekannt.

Unmittelbar kann das Scheitern bei Quelle auch positive Auswirkungen auf Karstadt haben. „Herr Görg hat jetzt Zeit, sich ausschließlich auf eine Aufgabe zu konzentrieren“, sagte der erfahrene Insolvenzexperte Volker Grub, der selbst an mehr als 500 Verfahren beteiligt war. Der Faktor Zeit dürfte tatsächlich nicht unerheblich sein. Mehrfach in den vergangenen Monaten verhinderte das Ringen um Quelle – etwa für einen staatlichen Massekredit oder die Vorfinanzierung der Banken – ein weiteres Engagement für die Warenhäuser. Das ist jetzt anders.

Dennoch steht der 68-jährige Rechtsanwalt aus dem Rheinland gehörig unter Druck. Sein – wie er mehrfach angekündigt hat – letzter und zugleich größter Fall reduziert sich nun auf die Zukunft der Warenhauskette. An ihrer Sanierung hängt auch Görgs bisher tadelloser Ruf in der Branche. Er wird daran gemessen werden, ob er Middelhoffs Versprechen einlöst, und etwas von bleibendem Wert schafft, statt nur abzuwickeln. Bei Quelle ist das nicht gelungen.

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