Wirtschaft : Quelle-Eigner streben Kontrolle über Karstadt an

Schickedanz will Anteil auf 48 Prozent ausbauen / Hertie zieht sich zurück / Ein Fall für das Bundeskartellamt FÜRTH/BERLIN (wis/HB/hej).Die Schickedanz-Gruppe will die Kontrolle über Deutschlands größten Warenhaus-Konzern Karstadt übernehmen.Die fränkische Gruppe um Europas größten Versandhändler Quelle teilte am Montag mit, sie werde im Laufe dieses Jahres rund 30 Prozent der Karstadt-Anteile von der Hertie-Stiftung kaufen.Damit käme sie auf 48 Prozent der Karstadt-Anteile und hätte damit die "faktische Kontrolle" über den Konzern.Mit ihrem geplanten Engagement bei Karstadt, das vom Bundeskartellamt aber noch genehmigt werden muß, käme die Schickedanz-Gruppe auf ein Umsatzvolumen von über 40 Mrd.DM.Damit würde sie zu den zehn größten europäischen Handelsgruppen zählen. Nach der Übernahme von 10,3 Prozent der Karstadt-Aktien durch die Schickedanz-Holding im vergangenen August galt es nur noch als Frage der Zeit, wann die Franken ihren Anteil weiter aufstocken würden.Dennoch kommt die jetzt bekanntgebene Lösung überraschend: Schickedanz begnügt sich nicht, wie man erwartet hatte, mit einer Sperrminorität, sondern wird mit Hilfe der Dresdner Bank fast auf eine Mehrheit bei der Karstadt AG kommen und die Führung übernehmen.Damit entsteht ein Handels- und Dienstleistungskonzern mit den Hauptaktivitäten Karstadt/Hertie-Kaufhäuser, Quelle- und Neckermann-Versand, Condor-NUR-Touristik, Sinn-Leffers-Textilhäuser sowie einer Reihe von Finanzdienstleistern (Quelle-Bank und -Versicherungen).Mit einem Gesamtumsatz von dann rund 40 Mrd.DM und 133 000 Beschäftigten rückt die Schickedanz-Gruppe an Handelsriesen wie Metro oder Rewe heran. Die Hertie-Stiftung, die im Zuge der Abgabe ihrer Kaufhausaktivitäten (Hertie GmbH) an Karstadt in den Besitz von rund 30 Prozent an Karstadt gekommen war, gibt diesen kompletten Anteil im Börsenwert von derzeit 1,6 Mrd.DM an eine Vorschaltgesellschaft unter Führung von Schickedanz ab.Die gemeinnützige Stiftung will den Verkaufserlös auf "mehrere, noch festzulegende andere Vermögensanlagen" verteilen. Die Schickedanz-Holding verfügte bislang direkt nur über 10,3 Prozent der Karstadt-Aktien.Dieser Anteil sei jetzt durch Zukäufe an der Börse auf rund 11 Prozent aufgestockt worden, sagte ein Sprecher der Fürther Holding.Weitere 10 Prozent liegen bei der Gesellschaft für Luftfahrtwerte (FGL), einem Firmenmantel im Besitz der Schickedanz-Hausbank Dresdner Bank, und wurden schon bisher dem Schickedanz-Einfluß zugerechnet.Von der FGL erwirbt Schickedanz jetzt sieben Prozent der Karstadt-Aktien, womit der Anteil auf 18 Prozent steigt.Dazu sollen nun im Laufe des Jahres die 30 Prozent von der Hertie-Stiftung kommen.Weitergehende Beteiligungspläne gebe es derzeit nicht, sagte der Schickedanz-Sprecher.Mit einem Anteil von 48 Prozent habe man sicher die Hauptversammlungs-Mehrheit und könne den Karstadt-Konzern auch konsolidieren. Ganz allein stemmt die Gruppe das Milliardengeschäft allerdings nicht.Die Karstadt-Aktien sollen von einer Vorschaltgesellschaft übernommen werden, in der Schickedanz zwar die klare Mehrheit hält, in der sich aber auch andere tummeln werden.Einer der Partner dürfte die Dresdner-Bank-Tochter FGL sein.Die "Kriegskasse" bei Schickedanz ist gut gefüllt, da in den letzten Jahren ständig Beteiligungen verkauft wurden, die nicht zum Kerngeschäft der Franken zählten: Die VP Schickedanz AG, die Patrizier Bräu AG, Gold Zack und die Noris Bank.In jüngster Zeit wurden noch die Apollo Optik-Kette und die Coca Cola Erfrischungsgetränke AG versilbert. Der Einfluß der Fürther bei Karstadt reiche aus, um alle möglichen Synergien zu nutzen, heißt es.Schon seit einiger Zeit seien Strategieteams dabei, gemeinsame Aktivitäten zu entwickeln, die sich vor allem auf Einkauf, Logistik und Verwaltung konzentrieren werden, aber auch auf die Neuen Medien und auf neue Märkte.Über einen möglichen Personalabbau und Kostensenkungen will man sich jetzt aber noch nicht äußern.Die Vertriebskanäle sollen jedoch weiterhin getrennt und selbständig agieren.Das gelte auch im Versandbereich: "Quelle und der Neckermann-Versand werden nicht verschmolzen", sagte Karstadt-Sprecher Ralf Beke-Bramkamp. Auch der Standort Berlin werde von der Zusammenarbeit der beiden Handelshäuser nicht beeinflußt.Mit dem Einzug Karstadts in die Hertie-Filiale an der Wilmersdorfer Straße seien die Umbauten, die das Kartellamt im Zuge der Übernahme Herties durch Karstadt gefordert hatte, abgeschlossen.Mit mehr als 20 Häusern sei Berlin einer der "unternehmerischen Schwerpunkte" der Karstadt-Gruppe.An den geplanten Investitionen wie etwa der "Verjüngung" des Karstadt-Hauses am Herrmannplatz halte man fest, betonte Beke-Bramkamp. Nachdem die Karstadt-Gruppe im vergangenen Jahr bundesweit 18 Filialen geschlossen hat und auch in Berlin über die Jahre einige Tausend Stellen abgebaut wurden, sieht Roland Tremper von der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft Berlin (DAG) die Schickedanz-Aktivitäten bei Karstadt positiv.Es sei von Vorteil, wenn Profis das Ruder übernehmen, sagte Tremper mit Blick auf die Hertie-Stiftung, die noch bei Karstadt im Boot ist. Das Bundeskartellamt hält sich dagegen bedeckt.Zwar sei ein großes Hindernis inzwischen ausgeräumt, sagte Kartellamts-Sprecher Lange mit Hinweis auf den Tourismus-Bereich.Hier will sich Schickedanz von seiner 20prozentigen Beteiligung an der TUI trennen.Damit bestehe dann keine Überkreuzverflechtung mehr mit dem gegnerischen "gelben Lager" um Condor/NUR, an dem Karstadt über die NUR Touristic GmbH beteiligt ist.Davon zu trennen sei allerdings die Frage, ob die Verknüpfung Karstadt/Schickedanz mit Blick auf die Wettbewerbsverhältnisse im Handel zulässig sei.

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