Quelle-Katalog : Für jeden etwas

Von Feinripp bis Multimedia: Auf 1348 Seiten breitet der Quelle-Katalog die Warenwelt aus.

Alexander Visser

Berlin - Ein Buch voller Gegensätze. Der sexy String mit Spitzen-Motiv „hinten“ ersetzt oder ergänzt die Gesäßtätowierung. Ein paar Seiten später werden halblange Feinripp-Schlüpfer für die Dame angeboten, „mit leicht auszuwechselndem Durchzugsgummi“. 50er Jahre und Gegenwart wechseln sich auf engem Raum ab. Blutdruckmessgeräte auf Seite 1147, „Vibrator für ihn“ auf Seite 1152. Mit dem Quelle-Katalog steht und fällt die Geschäftsidee des Unternehmens: Die ganze Warenwelt in einem Buch.

Die Auflage des Hauptkatalogs, die zu Spitzenzeiten bei zwölf Millionen Exemplaren lag, erreicht heute noch acht Millionen. Das ist immer noch eine weit höhere Zahl als die Startauflage von Bestsellern wie Harry Potter; der siebte Band brachte es auf drei Millionen. Ein kleiner Teil der Auflage der Herbst/Winter-Ausgabe ist ausgeliefert, doch die Druckereien wollen Geld sehen, bevor sie den Rest der Kataloge freigeben. Quelle-Sprecher Manfred Gawlas zufolge belaufen sich die Kosten für Produktion und Auslieferung pro Exemplar auf zehn Euro. Für die Kunden ist er kostenlos. Es steht in den Sternen, ob das Unternehmen, das im Juni Insolvenz angemeldet hat, erfolgreich saniert werden kann und ob es je eine weitere Ausgabe dieses Klassikers geben wird. Anlass also, sich das backsteinschwere Werk genauer anzusehen.

Ein Model wendet mit fliegenden blonden Haaren den Kopf zum Betrachter. Weinrote Strickmütze, braune Cordjacke – in der Krise gedeckte Farben. Auf Seite zwei grüßt der Chef. Quelle-Geschäftsführer Konrad Hilbers lädt ein, „in unserem Dicken“ zu blättern. „Die ganze Welt der Trends kommt bei Ihnen zu Hause vorbei: Mode-Trends, Wohnen-Trends, Technik-Trends.“ Kein Wort von der schwierigen Lage des Unternehmens. Kein besonderer Dank an die Kunden, die Quelle jetzt noch stützen. Aber das Druckwerk ist ja auch kein Kundenmagazin, sondern Bestellkatalog.

Mode für junge Frauen eröffnet die gewaltige Warenwelt, die sich auf den folgenden 1348 Seiten entfaltet. Eine Mischung aus Eigenmarken und Markenshops von Puma, Levi’s oder Esprit. Es soll sichtlich für jeden Geschmack etwas dabei sein. Verspieltes „Hippie Feeling“ neben kariertem „Royal Flair“. Viele Teile ab zehn, wenige Modestücke über 59,99 Euro. Die Preise sind niedrig, aber gestaffelt: Für größere Größen muss mehr bezahlt werden. Das dürfte manche Kundin verprellen. Bei Marks & Spencer in England gab es kürzlich gegen eine solche Regelung bei BHs einen erfolgreichen Kundinnenaufstand. Immerhin gibt es bei Quelle in der Abteilung „starke Mode für starke Frauen“ Einheitspreise.

Soziologen der Zukunft werden im Quelle-Katalog viele gesellschaftliche Phänomene unserer Tage ablesen können. Etwa das Bedürfnis nach „Mode, die optisch schlanker macht“. Auch der demografische Wandel schlägt sich nieder: Auf Fitness-Artikel folgt der Elektro-Scooter für Senioren. Das Deutschland heute ein Einwanderungsland mit Zugezogenen aus aller Welt ist, sieht man den Models allerdings kaum an. Andere Modekataloge sind da schon bunter.

Hauptzielgruppe des Katalogs sind laut Quelle „die Familienmanagerinnen“, die die meisten Kaufentscheidungen treffen. Aber der Katalog soll jedem etwas bieten, auch technikinteressierten Männern. Wer sich auf die hinteren Seiten mit Kameras, Handys und Bildschirmen durchblättert, begegnet unterwegs noch deutschen Wohnwelten mit tiefen Sofas und superbreiten Schrankwänden, in die sich auch noch die größten Flachbildschirme einpassen lassen. Irgendwann bleibt der müde werdende Blick noch auf der Doppelseite mit Aufblaspuppen und Dildos hängen. Die intimen Details des Kunststoffspielzeugs sind durch keusche Herzchen verdeckt.

Die ganze Warenwelt auf einen Blick: Selbst ein 1348-Seiten-Wälzer kann diesem universellen Anspruch in der Konsumwelt von heute nicht mehr gerecht werden. Trotz der etwa 70 000 Artikel (inklusive verschiedene Größen und Farben) verrät der Katalog auf Seite 377, dass für viele Produkte „kein Platz mehr war“ und lockt den Leser in den Online-Shop. Zielgenau können die Kunden hier den Teil des 700 000 Artikel umfassenden Gesamtangebots ansteuern, der sie interessiert. Liegt nur hier die Zukunft des Versandhandels, oder hat das Prinzip „alles auf einen Blick“ noch eine Zukunft?

Es ist dieselbe Frage, die sich auch für eine andere große Marke des Mutterkonzerns Arcandor stellt, für die Kaufhauskette Karstadt. Letztlich ist der Quelle-Katalog ein Kaufhaus in Buchform.

- Konrad Hilbers (Hrsg.): Quelle-

Katalog Herbst/

Winter 2009/10

Quelle GmbH,

Fürth 2009.

1348 Seiten, 0,- Euro

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