Wirtschaft : Quo vadis, Börse?: Trotz fallender Zinsen kein Kursfeuerwerk

tmo

Kaufen oder nicht kaufen - das ist zurzeit die große Frage. Wer sich von der Zinsphantasie in den USA anstecken lässt und zu früh einsteigt, wird womöglich von neuen Gewinnwarnungen böse überrascht. Wer dagegen zu lange wartet, verpasst vielleicht den schönsten Teil des Kursaufschwungs, wenn der Chef der US-Notenbank (Fed), Alan Greenspan, demnächst wieder an der Zinsschraube dreht und das Geld weiter verbilligt.

"Es gibt schon einige, die jetzt mit den Hufen scharren, besonders am Neuen Markt", beobachtet Fritz Sander, Wertpapierberater der Commerzbank in Mönchengladbach. Viele Privatanleger seien allerdings nach hohen Verlusten vorsichtig geworden und warteten vorerst ab.

Die Profis agieren schneller: Nach dem US-Zinsschritt Anfang Januar trieben Käufe großer Fonds die Wachstumsbörsen Nasdaq und den Neuen Markt einige Tage lang kräftig aufwärts. "Wer in einer solchen Situation nicht voll investiert ist, läuft dem Markt hinterher", erklärt ein Frankfurter Fondsmanager.

Furcht vor Gewinnwarnungen

Derzeit dominieren wieder Gewinnsorgen - insbesondere nach den enttäuschenden Ergebniszahlen des Internet-Konzerns Cisco. Daran konnte auch die zweite Zinssenkung der US-Notenbank Fed in der vergangenen Woche nichts ändern: Nasdaq und Neuer Markt reagierten sogar mit Abschlägen. Die Entscheidung war bereits erwartet worden, und so fehlte der Überraschungseffekt, der die Märkte nach der ersten Fed-Aktion beflügelte. Die Anlagestrategen der Banken sind derzeit in zwei Lager gespalten: Auf der einen Seite stehen die Zinsoptimisten wie Credit Suisse First Boston, Salomon Smith Barney und die DG Bank - auf der anderen die Konjunkturpessimisten wie Morgan Stanley und Dresdner Kleinwort Wasserstein.

In einem sind sich die Experten jedoch einig: "Fallende Zinsen allein reichen nicht", betont Andrew Lapthorne, Stratege der Dresdner-Investmentsparte Kleinwort Wasserstein in London. Denn Zinssenkungen lösen erfahrungsgemäß erst dann nachhaltige Kurssteigerungen aus, wenn die Anleger an ihren Erfolg - sprich: an eine baldige Konjunkturerholung - glauben. Entscheidend sei daher das Vertrauen der Anleger, dass Alan Greenspan die Talfahrt der amerikanischen Wirtschaft schnell stoppen kann. "Wenn dieser Eindruck sich verfestigt, können die Kurse wieder nachhaltig steigen", sagt Volker Borghoff von der DG Bank. Strittig bleibt, wann die - schon oft zu früh ausgerufene - Trendwende endlich kommt. Die DG Bank hofft auf einen baldigen Umschwung: "An der Nasdaq kann das schon in einigen Tagen passieren", sagt DG-Bank-Stratege Borghoff. Am Frankfurter Neuen Markt sei dagegen noch Vorsicht angezeigt. Denn dort fielen die Gewinnmeldungen der Unternehmen enttäuschend aus. Geht es nach der Mehrheitsmeinung, dann müssten schon bald positive Signale aus den Vereinigten Staaten eintreffen. Schließlich erwarten die meisten Bankvolkswirte und Wirtschaftsforscher eine schnelle Erholung der schwächelnden US-Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte.

Das Problem ist nur: Seit Monaten fallen die meisten Konjunkturdaten aus Übersee schlechter als erwartet aus. Der Begriff "Soft Landing" ist aus der Konjunkturdebatte fast verschwunden. Dafür taucht das Wort "Rezession" immer häufiger auf. Noch vor wenigen Wochen war eine "sanfte Landung" der US-Wirtschaft auf einem stabilen Wachstumspfad das dominierende Szenario, während eine Rezession in der dynamischsten Ökonomie weltweit kaum denkbar schien.

DG-Bank-Stratege Borghoff rät Privatanlegern dennoch zur erhöhten Vorsicht: Sie sollten erst einsteigen, wenn selbst schlechte Nachrichten die Kurse nicht mehr belasten. Das sei ein Hinweis, dass die Investoren ihre Erwartungen weit genug zurückgefahren hätten.

Stratege Ben Funnell von Morgan Stanley glaubt dagegen, dass die Konjunkturrisiken noch nicht ausreichend in den Kursen enthalten sind. "In den vergangenen Wochen sind die Gewinnschätzungen für die S&P-500-Firmen im ersten Quartal enorm gesunken, von einer zweistelligen Zuwachsrate auf unter null", sagt Funnell, "und dieser Abwärtstrend dürfte anhalten". Der Morgan-Stanley-Stratege erwartet, dass künftige Zinssenkungen höchstens kurze Strohfeuer an den Börsen auslösen werden - keineswegs aber nachhaltige Kurssteigerungen.

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