Radreisen mit quaeldich.de : Hauptsache, bergauf

Gemütlich durch die Landschaft fahren oder ambitioniert die Berge hoch – im Radsport ist vieles möglich. Der Berliner Spezialist quaeldich.de ist Marktführer für Rennradreisen in anspruchsvoller Umgebung.

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Die arrivierten Individualisten sind die Zielgruppe der Reiseveranstalter von quaeldich.de. Die Teilnehmer haben Geld, sind mindestens 45 Jahre alt und wollen sich anstrengen. Flachetappen sind unerwünscht. Wer mitfahren will, sollte also schon mal ein paar Kilometer im Rennsattel gesessen haben. Foto: mauritius images
Die arrivierten Individualisten sind die Zielgruppe der Reiseveranstalter von quaeldich.de. Die Teilnehmer haben Geld, sind...Foto: mauritius images

Um Rad zu fahren, muss man eigentlich nicht promovieren. Schon gar nicht in Informatik. Jan Sahner hat seine Doktorarbeit geschrieben über die schädliche Wirkung von Wirbeln in Wasserturbinen. Zuvor hat er in Bonn Mathe studiert, dann ein bisschen gearbeitet im Berliner Konrad-Zuse-Institut und dort eben auch promoviert. Aber „gebrannt“ hat er nicht für die Möglichkeiten eines Informatikers in der digitalen Welt. „Als Einstiegsgehalt könnte ich das Doppelte von dem verdienen, was ich jetzt bekomme“, sagt Sahner lächelnd. Geld ist nicht gleich Spaß. Der 39-Jährige ist Gründer der Radfirma quaeldich.de. Mit einem Mitarbeiter sitzt er in einem kleinen Büroladen in einem Kreuzberger Hinterhof. Sie verschicken von hier aus Radsportkleidung und organisieren Radreisen. Dabei ist der Firmenname Programm, und der Leitspruch gibt die Richtung vor: „Hauptsache, bergauf“.

Sportliches Radfahren, auf dem Rennrad oder dem Mountainbike, ist in. Noch nicht so wie in England, wo inzwischen mehr Akademiker Rennrad fahren als Golf spielen. Dazu haben auch die Siege der Briten Bradley Wiggins und Christopher Froome bei der Tour de France in den vergangenen Jahren beigetragen. Spektakuläre Erfolge im Spitzensport strahlen aus auf die Masse. Hierzulande wird die Zahl der ambitionierten Radfahrer auf rund acht Millionen geschätzt.

"Wir sind die Berge", sagt Sahner

Die berühmte Tour de France hat auch eine wichtige Rolle gespielt im Leben von Jan Sahner. Die Leidenschaft für das Radfahren entwickelte sich auch aus dem Traum heraus, einmal die Hochgebirgspässe der Tour in den Alpen und Pyrenäen zu fahren. Und für den Firmennamen quaeldich.de gibt es eine Entstehungsgeschichte, die auch mit der Tour zusammenhängt. 1997, auf der 18. Etappe, schwächelte Jan Ullrich in den Vogesen. Sein Teamkamerad Udo Bölts kümmerte sich um Ullrich und feuerte ihn mit dem unvergleichlichen Satz an: „Quäl dich, du Sau!“ Ullrich quälte sich und gewann damals als erster Deutscher die Tour.

Die Zahl der ambitionierten Radfahrer wird hierzulande auf acht Millionen geschätzt. Foto: null
Die Zahl der ambitionierten Radfahrer wird hierzulande auf acht Millionen geschätzt.Foto: null

Und Sahner hatte den Namen für sein Start-up, das inzwischen Marktführer bei Rennradreisen in anspruchsvoller Umgebung ist. „Wir sind die Berge“, sagt Sahner. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete sein Unternehmen allein mit Reisen einen Umsatz von rund 600 000 Euro, der Klamottenverkauf brachte 60 000. Und es geht natürlich bergauf. Ein Radkumpel aus Freiburg steigt in diesem Jahr mit Geld ein, und ein anderer aus Aachen, promovierter Biochemiker, wird zusätzlich eingestellt für die Reiseorganisation. „Der tauscht das Wissenschaftsprekariat gegen das Reiseveranstalterprekariat“, freut sich Sahner und lacht. Radsportler haben ein sonniges Gemüt.

Die entspannte Gruppe fährt nicht schneller als 28 km/h

Die ersten Trikots, die Sahner selbst bedruckte und zu Hause auf der Wickelkommode faltete, verkaufte quaeldich.de 2002. Der Chef gönnte sich damals ein Monatsgehalt von 200 Euro. Überhaupt ging es etwas schleppend voran. Bis dann wiederum die Tour de France den Anlass gab für den Antritt auf ein anderes Geschäftsfeld: Im Zuge der Dopingskandale fiel 2008 die Deutschlandrundfahrt der Radprofis aus. Sahner fuhr die Lücke zu. Nach dem Motto „Der Hobbysport lässt sich nicht unterkriegen“ organisierte er eine Deutschlandtour für rund 100 Leute über 1550 Kilometer mit durchschnittlich gut 2000 Höhenmetern je Etappe. „Wir wollten uns den Sport nicht von den Profis kaputtmachen lassen“, erinnert sich Sahner.

Die quaeldich-Deutschlandtour war ein „absolutes Abenteuer“ und funktionierte nach einem Prinzip, das bis heute die Firma trägt: Die Organisation in den einzelnen Regionen übernehmen weitgehend kundige Rennradfahrer aus den Regionen selbst. Sahner kann sich bei seinen Reisen inzwischen auf zehn Organisatoren stützen. Dazu kommen rund 50 Guides, die man auch Gruppenführer nennen könnte.

Um ein breites Spektrum anbieten zu können, gibt es bei jeder Reise drei Gruppen mit entsprechenden Guides: In der entspannten Gruppe fährt man nicht schneller als 28 km/h, nur maximal 650 Höhenmeter je Etappe und kehrt dabei mindestens einmal in ein Gasthaus ein. Die Mitglieder der „ausdauernden Gruppe“ fahren im Windschatten, machen weniger Pause, fahren länger und höher. Schließlich die sportive Gruppe. „Du hast immer Zug auf der Kette und drückst Hügel und kürzere Anstiege schon mal mit Kraft durch“, formuliert Sahner das Angebot an die Cracks. Hier geht die Post ab.

25 Reisen im Angebot

Im Schnitt hat eine Reise 30 Teilnehmer, die sich dann idealerweise gleichmäßig auf die drei Gruppen verteilen. Der Preis für eine Woche inklusive Gepäcktransport, Guides und Halbpension liegt bei rund 1000 Euro. Der typische Teilnehmer ist männlich, 45 Jahre alt, leitender Angestellter und Individualist. „Der Tag muss sitzen“, beschreibt Sahner seine Reisen und das Anspruchsniveau der Kunden. „Der Urlaubstag ist denen wichtiger als das Geld.“ Und was sind schon 1000 Euro für einen Gutverdiener, wenn er sicher sein kann, „auf den schönsten und verkehrsärmsten Strecken“ unterwegs zu sein – ob in Ligurien oder Andalusien, in den Dolomiten oder den Savoyer Alpen. Hauptsache, bergauf. „Wer einmal bei uns war, der kommt wieder“, sagt Sahner, der sich grundsätzlich mit Kunden duzt.

25 Reisen hat quaeldich.de im Angebot, nur bei einer Handvoll ist der vierfache Vater selbst dabei. Sahner konzentriert sich auf Organisation, Marketing und neue Geschäftsfelder, Messeauftritte und die Internetseite. „Wir wollen unsere Kernkompetenz hebeln“, sagt Sahner und meint die 70 Pässe, die auf der quaeldich.de-Seite zu finden sind. Rennradfahrer haben ihre Erfahrungen aufgeschrieben und geben Tipps für Nachfahrer. Diese Berichte werden nun auch für ein englisches Portal übersetzt.

Und die Reisen werden spezieller, exklusiver, aufwendiger. Die Organisation der Highlights für 2017 hat Sahner gerade abgeschlossen. Zum Start der Tour der France in Düsseldorf gibt es im Frühsommer eine Tour eben von Düsseldorf nach Paris. Im Mai ist eine Vier-Etappen-Fahrt von Wien nach Berlin geplant – mit dabei ist der frühere Telekom-Masseur Dieter „Eule“ Ruthenberg.

„Das wirst Du Deinen Enkeln erzählen“ – so beginnt der Werbetext für die zehntägige Fahrt von Flensburg nach Garmisch im Juni 2017 für 1470 Euro. Auf der Zugspitze endet die Tour. „Mit Blick aufs Gipfelkreuz trinken wir zusammen ein Zielbier“, freut sich Sahner. E-Bikes sind übrigens nicht dabei. Nie. „Wir machen Sport“, sagt Jan Sahner.

Mehr Informationen zum Thema mit vielen Tourenvorschlägen gibt es im aktuellen Magazin „Radfahren in Berlin-Brandenburg“ des Tagesspiegels, das gerade in den Handel gekommen ist.

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