Wirtschaft : Rätselraten um Fusion von Krupp und Thyssen

Gerüchteküche angeheizt / Konzerne wiegeln ab

DÜSSELDORF/ESSEN (AP) Im Ruhrgebiet wächst die Nervosität: Die bevorstehende Entscheidung über eine Fusion von Krupp und Thyssen löst bei den Belegschaften Angst vor Arbeitsplatzverlusten und in den Städten Essen und Düsseldorf Sorge um die Steuereinnahmen aus.Aktionäre wittern hingegen eine Chance zum Spekulieren.Die "Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung" hatte berichtet, die Aufsichtsrats- und Vorstandschefs beider Unternehmen wollten am 4.November den Grundsatzbeschluß für die Einigung fassen und einen Tag später bekanntgeben.Doch die Konzerne dementieren.Als "falsch" und "völlig haltlose Spekulation" hat Thyssen-Sprecher Reiner Hochscheid am Freitag den Bericht bezeichnet."Die Entscheidung ist völlig offen." Ein Krupp-Sprecher ergänzt: "Sie wird Ende November getroffen." Tatsächlich legten erst gestern die 19 Arbeitsgruppen, die Vor- und Nachteile einer Fusion ermitteln sollten, ihre Berichte vor.In der kommenden Woche wollen sich die Unternehmensspitzen zu einer ersten Verhandlungsrunde treffen, um die Fusion zu beraten.Doch sehen Branchenkenner die Verhandlungen auf gutem Weg.Immerhin erwarten die Konzerne vom Zusammengehen Einsparmöglichkeiten von rund 250 Mill.DM jährlich.Außerdem könnten sie die Wachstumschancen in Asien und Amerika gemeinsam besser nutzen.Denn dort sind sie beide zur Zeit eher noch kleine Spieler. Aber es gibt auch noch viel zu klären.Denn nicht nur die finanziellen Folgen einer Fusion müssen bewertet werden.Einigkeit müsse auch über strategische Ziele erzielt werden, betonte Hochscheid.Schließlich sind beide Konzerne nicht nur im Stahl tätig, sondern auch im Handel, Maschinen- und Anlagenbau sowie in der Umwelt- und Autotechnik.Da wirkt es ehrgeizig, daß die Entscheidung Ende November fallen sollen. Und dann geht es auch ans Eingemachte: Wer steht an der Spitze des neuen Konzerns, und wo ist dessen Zentrale, in Düsseldorf oder Essen.Die Chefs halten sich beim Personalpoker bedeckt.Wer das bessere Blatt hat, ist schwer zu entscheiden.Gegen Thyssen-Chef Dieter Vogel jedoch ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin noch immer wegen Untreuevorwürfen im Zusammenhang mit der Übernahme des ostdeutschen Metallurgiehandels.Ein im August vergangenen Jahres erlassener Haftbefehl ist lediglich außer Vollzug gesetzt. Bei einer Fusion würde ein Konzern mit 60 bis 70 Mrd.DM Jahresumsatz und rund 180 000 Beschäftigten entstehen.Bereits fusioniert sind die Stahlbereiche beider Konzerne.

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