Wirtschaft : Raffgier im Allerheiligsten

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Von Henrik Mortsiefer

Richard „Dick“ Grasso hätte ein amerikanischer Held werden können. Vom kleinen Sekretär zum Chef der größten Börse der Welt – das ist eine Tellerwäscherkarriere nach dem Geschmack der Amerikaner. Doch es kam anders. Beim Thema Geld verlor Grasso jedes Maß, und seine – vom Verwaltungsrat der Börse gebilligte – Raffgier wirft nun einen hässlichen Schatten auf seinen glanzvollen Aufstieg. Grasso muss gehen, weil 140 Millionen Dollar nach Meinung der Börsenaufsicht und der WallStreet-Banker selbst für einen Spitzenjob in der New Yorker Finanzwelt zu viel waren. Der Rausschmiss ist allerdings kein Beweis für die neue Bescheidenheit in Manhattan. Er ist eine Folge der Corporate-Governance-Debatte, die seit dem Skandal um milliardenschwere Bilanzfälschereien beim Energiehandelsunternehmen Enron weltweit geführt wird.

Es herrscht Konsens, wann Vorstandsgehälter angemessen sind, damit sie noch mit den Grundsätzen guter Unternehmensführung übereinstimmen: Wer herausragend verdient, muss auch herausragende Leistungen vorweisen. Millionengehälter sind nicht an das Amt gebunden, sondern an die Leistungen des Amtsinhabers. Und wenn es denn schon Millionen sein sollen, dann muss vor allem den Eigentümern des Unternehmens, glasklar sein, wie sie sich zusammensetzen. Bei Grasso war das nicht der Fall. Dass es der New Yorker Börse erst unter dem Druck der Öffentlichkeit aufstieß, ist auch ein Skandal.

Ob dieses Erdbeben auch andere Börsen erreicht, ist allerdings unwahrscheinlich. Werner Seifert, Chef der Deutschen Börse, liegt mit einem Jahreseinkommen von 1,6 Millionen Euro im Dax-Mittelfeld. Doch das ist kein Freibrief. Die Leistungen der Börsenchefs werden nach Grassos Sturz genauer gemessen.

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