Wirtschaft : Ralf Wichmann

(Geb. 1956)||Kunden lächelt man nicht mit einem blauen Auge an.

Tatjana Wulfert

Kunden lächelt man nicht mit einem blauen Auge an. Jeder Junge möchte Mittelstürmer sein. Ralf ist Verteidiger. Die Leute sehen ihn jeden Tag die Sonnenallee hinunterlaufen, den Ball unterm Arm, auf dem Weg zum 1. FC Neukölln. An einem Nachmittag kommt er die Straße wieder hinauf, zögernd, verschwindet nicht in seinem Haus, sondern im Laden der Lebensmittelhändlerin. „Warum kiekst’n so sorgenvoll?“ Ralf zeigt auf ein Loch in seiner neuen Hose. Die Lebensmittelhändlerin holt eine Tube Patex und schmiert den Kleber auf die Stelle am Knie. „So, jetz’ wird Mutta nich’ schimpfen.“ Die Mutter schimpft auch nicht, sie schüttelt nur den Kopf, als der Sohn ihr erklärt, in der Schule hätten sie heute gebastelt.

Ralf steigt auf, von der Schüler- in die Jugendmannschaft. Der Trainer stellt ihn ins Tor. „Rin in den Kasten!“, sagt sein Vater. Da steht Ralf, groß, muskulös und hält fast jeden Ball. Einmal prallt er mit dem Gesicht gegen den Pfosten, bricht sich die Nase. Er betastet sie wortlos. „Wichmann hat immer gegengehalten“, schwärmen die Mitspieler später.

Er macht eine Lehre zum Bankkaufmann, lernt Veronika kennen, wird für die Stadtauswahl aufgestellt. Training, Turniere, Verletzungen. Bankangestellte lächeln ihre Kunden nicht mit einem blauen Auge an. Ralf wechselt zur Betriebssportgemeinschaft Fußball der Berliner Bank. Jetzt spielt er Mittelstürmer. „Hrubesch- Typ“, „Wichmann trifft immer“ und „Wichmann wieder auf Torejagd“, steht in der „Fußball-Woche“. Ralf trainiert die Mannschaft. 1981 schlagen sie die Berliner Stadtreinigung, zum ersten Mal. Und werden Berliner Meister.

Im Büro ist Ralf friedlicher. Er leitet die Abteilung Kommerzielles Auslandsgeschäft, auf eine seltene Weise, loyal und bescheiden, stößt Kollegen nie vor den Kopf. „Bei dem Druck, der von oben ausging, hätte er auch ganz anders mit mir umgehen können“, sagt eine Mitarbeiterin.

1984 heiraten Ralf und Veronika, bekommen eine Tochter, Stefanie.

Mädchen mögen niedliche Dinge. Männern ist schon das Wort „niedlich“ suspekt. Trotzdem kaufen sie Stoffbären, stehen im Supermarkt am Süßigkeitenregal und schütteln Überraschungseier dicht am Ohr. „Alles für Stefanie“, sagt Ralf, als Veronika droht: „Wenn du mit der Sammelei nicht aufhörst, schicke ich dich zum Therapeuten.“ Die Jahre vergehen. Stefanie interessiert sich für Sprachen, hat einen Freund. Die Stoffbären in den Schränken werden nicht weniger.

Ralf und Veronika sind in London, schlendern einen Nachmittag getrennt durch die Stadt. „Na“, fragt Veronika danach, „was hast du gekauft?“ Ralf grinst. „Kann ich nicht sagen. Sonst schickst du mich zum Therapeuten.“

Golf spielt er nun, der Neuköllner Junge aus der Sonnenallee, ohne eine einzige Stunde Training. Ralfs Haltung beim Abschlag widerspricht jeder Regel. Sein Ballgefühl jedoch treibt die Gegner zur Verzweiflung. Eine Freundin fordert ihn heraus. Ralf nickt. „Wenn du gewinnst“, sagt er, „nehme ich eine Trainerstunde.“ Die Freundin spielt so gut wie nie zuvor, Ralf löst die Wette ein. Der Trainer liegt flach auf dem Boden, umklammert Ralfs Fuß: „Mann, bleib doch mal ruhig stehen.“ Vergeblich. Vier Tage später ist Ralfs Handicap besser als das der Freundin.

Die Leute in den Straßen trinken Glühwein, tragen bunte Pakete nach Hause. Ralf sitzt in seinem Büro, denkt daran, dass er noch keinen Weihnachtsbaum gekauft hat. Seine Mutter wird krank. Er fährt zu ihr, oft. Veronika sagt: „Dieses Jahr verzichten wir auf einen Baum, machen es uns so gemütlich, fliegen dafür im Januar nach Portugal.“

In Portugal ist es warm. Ralf besorgt am Morgen Eier und Lachs, deckt den Tisch. Sie frühstücken in der Sonne. Fahren zum Golfplatz. Ralf bereitet sich zum Abschlag vor. Er zögert. Etwas stimmt nicht. Egal, wird schon gehen, er spielt den Ball. Dann fällt ihm der Schläger aus der Hand.

Vor Jahren hörten Ralf und Veronika von einem Mann, der mitten auf dem Golfplatz gestorben ist. Ein schöner Tod, sagte Ralf.

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