Wirtschaft : Ranzig, muffig, alt

Bayern hat einen neuen Gammelfleischskandal. Verbraucherschützer und Politiker fordern jetzt noch strengere Gesetze

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Berlin - Den Kontrolleuren muss sich ein grauenhaftes Bild geboten haben, vom Geruch ganz zu schweigen. 17 von 20 Proben, die die Aufpasser bei einem bayerischen Fleischgroßhändler untersuchten, „schienen nach dem Auftauen grünlich und Ekel erregend“, berichtete am Freitag ein Sprecher der zuständigen Kreisverwaltung in München. Außerdem hätten die Proben „ranzig, muffig, alt und fremdartig“ gerochen.

Kein Wunder. Das Fleisch soll nach Erkenntnissen der Kontrolleure bereits vier Jahre jenseits des Haltbarkeitsdatums gewesen sein. Der Betrug war erst nach einem anonymen Hinweis aufgedeckt worden. Nachdem die Behörden bereits am Donnerstag eine Razzia bei einem Münchener Fleischgroßhändler gemacht hatten, stellten sie bei demselben Händler am Freitag noch einmal 30 bis 40 Tonnen verdächtiges Entenfleisch sicher. Am Vortag waren bereits zehn Tonnen Fleisch beschlagnahmt worden – darunter auch mehrere Döner-Spieße. Bisher ist nur bekannt, dass sie bundesweit und auch jenseits der Landesgrenzen verkauft und konsumiert worden sind. Ob auch ranziges Fleisch in Berliner Dönerbuden oder Asia-Stuben gelandet ist, darüber gibt es noch keine Auskunft.

In Bayern flog nach einem Hinweis aus der Bevölkerung gestern noch ein zweiter Händler auf: In Räumen seines Unternehmens in Passau, Regensburg und Metten beschlagnahmte die Polizei nach eigenen Angaben gut 40 Tonnen Fleisch, das dort teilweise seit drei Jahren lagerte.

In den vergangenen Monaten hatten gleich mehrere Fleischskandale die Republik erschüttert. Im Januar hatten die Behörden bei Europas größtem Wildbetrieb Berger Wild in Passau rund 1100 Tonnen verdorbenes Fleisch gefunden. Und im Oktober 2005 waren bei der Deggendorfer Frost GmbH teilweise faulige Fleischproben aufgetaucht. Als Konsequenz hatte die Bundesregierung angekündigt, die Rechte der Verbraucher mit dem Verbraucherinformationsgesetz (VIG) zu verbessern, das am 22. September zur Abstimmung in den Bundesrat kommt. Verbraucherschützer halten das Gesetz aber für nicht ausreichend – und fordern nun Nachbesserungen.

„Seit dem letzten Gammelfleischskandal hat sich nichts geändert“, ärgert sich Barbara Hohl von der Verbraucherrechtsorganisation Foodwatch. Das geplante Gesetz werde künftige Skandale nicht verhindern, weil es in der vorliegenden Fassung wirkungslos sei. Foodwatch forderte den Bundesrat deshalb auf, dem VIG die Zustimmung zu verweigern. Stattdessen seien wirkungsvollere Strafen für Betrüger und mehr Transparenz nötig. Wenn die Kontrollergebnisse veröffentlicht würden, könnten Händler sich selbst ein Bild machen, welche Lieferanten seriös seien. Auch die frühere Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) nannte das von Seehofer vorgelegte Verbraucherinformationsschutzgesetz „sehr weich“. Sie drängt auf rückhaltlose Aufklärung. „Es muss geklärt werden, wo und ob Kontrollen stattgefunden haben“, sagte Künast am Rande einer Fraktionstagung in Berlin. Bayern sei nicht das erste Mal ein „Ort von Skandalen“. Durch Stellenstreichungen hätten Lebensmittelkontrolleure dort offenbar nicht „die Finger hinreichend drauf gehabt“. Auch sei zu fragen, was ihr Amtsnachfolger Horst Seehofer (CSU) getan habe, um solche Skandale zu verhindern. Die Kontrolleure selbst sind skeptisch, dass man unseriösen Fleischhändlern mit Gesetzen besser auf die Schliche kommt. „Kriminelle Machenschaften kann man nicht verhindern“, sagte Robert Fischer, Chef der Bayerischen Lebensmittelkontrolleure. „Da reagiert Kommissar Zufall.“ Hunderprozentige Sicherheit gebe es nicht, betont auch Roswitha Steinbrenner, die Sprecherin der Berliner Gesundheitssenatorin. Sie rät Verbrauchern, besser hinzusehen und von Waren, bei denen sie kein gutes Gefühl haben, die Finger zu lassen.

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