Rasante Konjunkturbelebung : Deutschland zieht den Euroraum aus der Rezession

Die deutsche Wirtschaft legte im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent zu und zieht - zusammen mit Frankreich - die gesamte Euro-Zone aus der Rezession. Damit endet die längste Rezession des Euroraums seit seinem Bestehen. Anlass für Freudentänze sei das aber noch nicht, warnen Experten.

Die europäische Rezession ist vorüber - vor allem Dank Deutschland und Frankreich.
Die europäische Rezession ist vorüber - vor allem Dank Deutschland und Frankreich.Foto: dpa

Die deutsche Wirtschaft hat ein beeindruckendes Comeback hingelegt. Mit einem überraschend starken Wachstum von 0,7 Prozent zum Vorquartal macht der Frühjahrsaufschwung einen dicken Strich unter die Winterdepression. Gemeinsam mit Frankreich hat Deutschland damit die Eurozone aus der langen und tiefen Rezession gezogen.

„Die seit sechs Quartalen andauernde Rezession scheint zu Ende zu sein“, betont Christoph Weil von der Commerzbank. Die bessere Stimmung deute darauf hin, dass die Euro-Wirtschaft auch im dritten Vierteljahr wachsen werde, allerdings nur langsam. Deutschland und Frankreich zusammen erwirtschaften fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung der Eurozone.

In Deutschland als der mit Abstand größten Volkswirtschaft in Europa macht Hoffnung, dass die rasanteste Konjunkturbelebung seit Anfang 2012 nicht nur vom Konsum getragen wird. Überraschend haben im Frühjahr auch die Exporte einen Beitrag geleistet, und die Investitionen haben erstmals seit Ende 2011 wieder zugelegt. „Der Aufschwung steht auf einer breiten Basis“, kommentiert BayernLB-Ökonom Stefan Kipar.

Wirtschaftsminister Philipp Rösler frohlockt: „Es gibt allen Grund für die Menschen in Deutschland, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Die Schwächephase des Winterhalbjahres 2012/2013 haben wir hervorragend überwunden.“

Doch nicht alle Experten legen die Krise schon zu den Akten. Denn noch ist Sand im Getriebe. „Das starke Wachstum der deutschen Wirtschaft im zweiten Quartal ist wohl nicht der Startpunkt eines kräftigen Aufschwungs“, befürchtet Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen. Der Aufschwung werde sich fortsetzen, aber gebremst. Denn der Knoten sei noch nicht geplatzt. EU-Währungskommissar Olli Rehn mahnt: „Es gibt keinen Grund zu irgendeiner Selbstzufriedenheit.“

Für das deutliche Plus in Deutschland ist nicht zuletzt die Bauproduktion verantwortlich, die nach den witterungsbedingten Produktionsausfällen im Winter wieder hochgefahren wurde - ein einmaliger Nachholeffekt. Und die Unternehmen stellen ihre Investitionen in Maschinen und Ausrüstungsgüter wohl weiter zurück - aus Angst, dass die Staatsschuldenkrise wieder aufflammen und die Nachfrage speziell aus den wichtigen europäischen Absatzmärkten leiden könnte. Diese Unsicherheit dämpft die Investitionen.

"Die schwache Investitionstätigkeit ist das Sorgenkind der deutschen Binnenkonjunktur: Zuletzt lagen die realen Ausrüstungsinvestitionen knapp 14 Prozent unter dem Niveau von Mitte 2007“, betont Allianz-Ökonom Gregor Eder. Auch dem BDI macht die Entwicklung der Investitionen große Sorgen. Die Investitionsquote in Deutschland sei rückläufig und im internationalen Vergleich niedrig: „1999 wurden in Deutschland noch 20 Prozent des BIP investiert; 2012 waren es nur noch 17 Prozent“, berichtet der Industrieverband.

Anton Börner, Präsident des Außenhandelsverbands BGA, tritt ebenfalls auf die Euphoriebremse: „Machen wir uns nichts vor, trotz der positiven Zahlen wächst der schon jetzt erhebliche Modernisierungsbedarf hierzulande, wir leben von der Substanz.“ BDI und BGA mahnen öffentliche Investitionen in Bildung und Infrastruktur an, um die Voraussetzungen für künftiges Wachstum zu schaffen.

BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber fordert: „Nach der Schuldenbremse muss der Investitionsturbo kommen.“ Mit dem Ende der Rezession im Euroraum erhält aber immerhin die Hoffnung neue Nahrung, dass die Unternehmen ihre auf Eis gelegten Investitionen bald nachholen. Das erwartet das DIW.

Die Unsicherheit ebbe deutlich ab, und die Anpassung an die schwache Nachfrage im Euroraum dürfe weitgehend abgeschlossen sein. Ein Anlass für Freudentänze sei das jedoch nicht, betont DIW-Konjunkturchef Ferdinand Fichtner: „Selbst wenn die Investitionen in Schwung kommen: Gemessen etwa am Stellenwert der Industrie bleiben die Investitionen relativ schwach.“ (dpa)

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