Wirtschaft : Ratgeber Finanzen: Bei der Versicherung wird gespart

Jörg Knospe

Immer mehr Autofahrer setzen den Rotstift an und verzichten auf die einst sehr beliebte Insassenunfallversicherung. Nur noch etwa sieben Millionen haben sich und ihre Mitfahrer gegen Invalidität und Tod extra versichert. Mehr als zwölf Millionen waren es 1991. Für die Police zahlten sie meist zwischen 50 und 100 Mark im Jahr. "Die optische Aufrüstung des Wagens mit Leichtmetall-Felgen kostet hingegen zehnmal so viel wie ein vernünftiger Personenschutz", stellt Jochen Lindorf von der R+V resignierend fest.

Auf den ersten Blick macht die Zusatzdeckung wenig Sinn: Die Arzt- und Krankenhauskosten trägt nach einem Crash die Krankenversicherung oder die Autohaftpflicht des schuldigen Unfallgegners. Für bleibende Gesundheitsschäden kommt dessen Haftpflicht ebenfalls auf. Trägt aber der Fahrer eine Mitschuld, erhält er von der gegnerischen Haftpflichtversicherung nur einen Teil Entschädigung. Ist er allein verantwortlich, geht er sogar völlig leer aus. Das ist der eigentliche Härtefall, es sei denn, man hat mit einer allgemeinen Unfall- oder Berufsunfähigkeitspolice vorgesorgt, oder die Berufsgenossenschaft zahlt, weil das Unglück auf dem Weg zur Arbeit oder Uni passierte. Besser dran sind die anderen Insassen. Die Autohaftpflicht des Unfallverursachers schützt sie voll - nicht jedoch bei höherer Gewalt, etwa wenn ein Reifen platzt oder ein Reh vor den Wagen läuft.

Die Insassenunfallversicherung ist also vor allem für Fahrzeuglenker wichtig - und im Ausland. Wer dort schuldlos verunglückt, muss sich oft mit weniger Rente oder Verdienstausfall als in Deutschland begnügen. Da wird der Zusatzschutz zum Rettungsanker, hilft er doch, notwendige Umstellungskosten zu finanzieren.

Kritik der Verbraucherschützer

Vorbehalte gegen die Insassenunfallpolice melden die Verbraucherschützer an. Ihnen missfällt, dass sie nur während der Autofahrt sowie beim Be- und Entladen gilt. "Fast jeder braucht eine Unfallversicherung, aber niemand eine Insassenunfallversicherung", meint Hans-Dieter Meyer vom Bund der Versicherten. Besser und günstiger sei eine normale Unfallversicherung. Für "nicht teuer, aber überflüssig", hält sie die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände. Gewiss ist ein Komplettschutz, der in Beruf und Freizeit rund um die Uhr und weltweit gilt, dem Teilschutz vorzuziehen. Doch nicht jeder kann oder will dafür das Doppelte bis Vierfache ausgeben. Wer häufig mit anderen unterwegs ist und sich für sie verantwortlich fühlt, kommt aber am Insassenschutz kaum vorbei. Eine normale Unfallversicherung ist laut Statistik nur in zwei von fünf Haushalten vorhanden, und selten schützt sie die ganze Familie.

Die Leistungen aus der Insassenpolice sind immer zusätzlich und unabhängig von der Schuldfrage fällig. Etwaige Haftpflicht-Entschädigungen und Zahlungen aus der Unfallversicherung werden nicht angerechnet. Zu einer Überversorgung kommt es kaum. Aus gutem Grund kennt das Gesetz für den Invaliditäts- und Todesfall kein "Bereicherungsverbot" - anders als bei Schäden am Auto oder Hausrat. Welche Kosten für das Leben mit der Behinderung bis ins hohe Alter oder für die Ausbildung der Kinder entstehen, wird häufig unterschätzt. Deshalb macht der Zusatzschutz Sinn.

Die Kfz-Halter können zwischen zwei Formen wählen. Nach dem "Platzsystem" ist jeder einzelne Sitz mit der gleichen Summe versichert. Wahlweise kann man den Vertrag nur auf den Fahrer, die Vordersitze oder mehr Plätze abschließen. Beim beliebteren "Pauschalsystem" sind alle Insassen versichert. Für zwei und mehr Personen im Pkw erhöht sich die vereinbarte Versicherungssumme um die Hälfte. Kam einer von drei Insassen zu Schaden, so steigt die Versicherungssumme von beispielsweise 100 000 Mark auf 150 000 Mark. Der Verunglückte erhält dann bei Vollinvalidität ein Drittel - 50 000 Mark. Bei Teilinvalidität gibt es - wie in der normalen Unfallversicherung - entsprechend weniger.

Policen vielfach überteuert

Das schwindende Kundeninteresse haben sich die Versicherer selbst eingebrockt. Für Schäden wenden sie oft nicht einmal jede fünfte Beitragsmark auf. Statt über einen fairen Preis die Kunden zu halten, trocknet das profitable Geschäft mehr und mehr aus. Viel lieber verkaufen sie die reguläre Unfallpolice. Doch die Vertragszahlen steigen nur langsam. Den Abgang in der Kfz-Unfallversicherung können sie nicht ausgleichen. "Die Versorgungslücke wächst", registriert Jochen Lindorf, bei der R+V zuständig für Verbraucherfragen.

Spätestens beim Fahrzeugwechsel oder der nächsten Beitragsrechnung stellt sich die Frage nach dem Ein- oder Ausschluss der Insassen-Unfallversicherung. Das Kreuzchen auf dem Antragsbogen will gut überlegt sein. Wenigstens 100 000 Mark sollte die Invaliditätssumme schon betragen. Günstige Versicherer verlangen dafür im Jahr - einschließlich 50 000 DM Todesfallschutz - etwa den Gegenwert von drei Autowäschen. Die Sicher Direct begnügt sich mit 25 Mark. Doch hier wie bei der Konkurrenz gilt: Nur wer dort auch sein Auto haftpflichtversichert hat, ist willkommen.

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