Wirtschaft : Raucher qualmen weiter – koste es, was es wolle Zigarettenpreise steigen um 40 Cent pro Schachtel

Ragna Sieckmann

„Wir erwarten eine Katastrophe.“ Ernst Brückner, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Cigarettenindustrie, befürchtet, dass die seit 1. März höheren Zigarettenpreise sowohl Absatz als auch Arbeitsplätze kosten. Die Industrie geht davon aus, dass sie in diesem Jahr zehn bis 20 Prozent weniger Zigaretten verkauft als 2003. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ist etwas zurückhaltender, aber auch dort ist von fünf bis zehn Prozent Absatzrückgang die Rede. In jedem Fall bekommen Arbeitnehmer und Händler die Preissteigerung um 40 Cent je Packung zu spüren: „Hunderte werden in Industrie und Handel ihre Jobs verlieren“, schätzt Ernst Brückner.

Die Raucher lassen sich jedoch kaum von hohen Preisen beeindrucken. „Die wenigsten hören auf, nur weil das Rauchen teurer wird“, sagt Wolfgang Twardawa, Marketingleiter der GfK. Die Erfahrung gibt ihm Recht: Als die Packung Zigaretten 2003 um 20 Cent teurer wurde, hat sich kaum einer das Qualmen abgewöhnt. Viele Raucher suchten sich preiswerte Alternativen: Die einen kaufen heute ihre Zigaretten beim Discounter, die anderen besorgen sie sich auf legalen und illegalen Wegen aus Osteuropa. Laut British American Tobacco sind im vergangenen Jahr so 11,6 Milliarden Zigaretten privat aus dem Ausland eingeführt worden – 15 Prozent mehr als 2002. Gleichzeitig ist der Absatz von Zigaretten im deutschen Handel um sieben Prozent auf 112,8 Milliarden Stück zurückgegangen. Knapp 170 Milliarden Glimmstängel haben die Deutschen 2003 geraucht. Daran wird sich wohl wenig ändern.

„Wie stark die Reaktion der Konsumenten jeweils ausfällt, hängt auch davon ab, ob Schwellenwerte überschritten werden“, sagt Wolfgang Twardawa. Im Dezember werden die Preise für Zigaretten eine solche Schwelle erreichen: vier Euro. „Das wird sich stärker auswirken als die jetzige Erhöhung“, glaubt Twardawa. Diesmal erwartet er, dass der Absatz von Zigaretten um bis zu zehn Prozent zurückgeht. Zumal die Industrie ihren Kunden nicht nur die zusätzlichen Steuern – also 26 Cent mehr pro Päckchen – zumutet, sondern insgesamt 40 Cent mehr. Die Industrie spricht von „Nachholbedarf“: Die letzten Steuererhöhungen seien nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben worden.

Erfahrungen in anderen Ländern zeigen, dass auch bei erheblich höheren Preisen als hier zu Lande die Raucher ihre Sucht nicht aufgeben. In Großbritannien kostet die Packung um die sieben Euro. Das hat nicht für weniger Raucher, sondern für einen blühenden Schwarzmarkt gesorgt. Wolfgang Schmitz vom deutschen Zollkriminalamt bestätigt dies: „Mit den Steuern steigt der Anreiz für Schmuggel.“ Wenn in Deutschland noch mehr Raucher auf Billigkippen aus Polen oder Tschechien umsteigen, kann das für den Staat bedeuten, dass er am Ende sogar weniger einnimmt: Zwar fließen pro Zigarette mehr Steuern in die Staatskasse. Wenn aber vor allem Zigaretten aus dem Ausland geraucht werden, hat der Staat insgesamt nichts davon. „Schon jetzt wird jede dritte Zigarette, die in Ostdeutschland geraucht wird, nicht hier versteuert, weil sie aus Osteuropa kommt“, sagt Ernst Brückner.

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