Wirtschaft : Raumfahrtindustrie unter Schock

Nach dem Absturz der Columbia wird sich der Ausbau der internationalen Raumstation ISS verzögern

-

Düsseldorf (ebe/HB). Gut 16 Jahre nach der tragischen ChallengerExplosion hat der Raumfahrt-Enthusiasmus der USA erneut einen schweren Dämpfer erhalten. Mit der führenden Raumfahrt-Nation steht weltweit ein ganzer Industriezweig unter Schock: Der Absturz der US-Raumfähre „Columbia“ wird nach Expertenansicht den weiteren Ausbau der Internationalen Raumstation ISS auf unbestimmte Zeit verzögern. An dem ambitionierten Programm, das Experten zufolge rund 100 Milliarden Dollar verschlingt, sind neben den USA 15 weitere Staaten beteiligt, darunter auch Deutschland.

Die anteiligen Baukosten der Deutschen liegen bei rund 3,3 Milliarden Dollar. „Es wird nun ganz sicher zu einer Verschiebung des Programms kommen“, sagte der Programmdirektor Raumfahrt beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Klaus Berge, dem Handelsblatt. Bevor nicht im Detail eine Fehleranalyse vorliege, würden die Amerikaner nun bis auf weiteres keinen Shuttle mehr ins All schicken.

Die Verzögerung wird teuer für die gesamte Branche – auch für die deutsche Raumfahrt: Weil viele Wissenschaftler am ISS-Programm gehalten werden müssten, rechnet Berge mit „einigen 100 Millionen Dollar an Zusatzkosten“. Den im Oktober 2004 geplanten Ausbau der ISS mit dem europäischen Columbus-Modul erwarten Branchenexperten nun frühestens für 2005.

An den Shuttle-Operationen selbst sind die Europäer nicht beteiligt. Von der Columbia-Katastrophe betroffen ist in erster Linie die US-Raumfahrtindustrie um ihre beiden Systemführer Boeing und Lockheed Martin. Der Luft- und Raumfahrtkonzern Boeing, ohnehin in Bedrängnis durch den krassen Auftragseinbruch im zivilen Flugzeugbaugeschäft, erwartet nun auch neue Herausforderungen und Probleme für seine große Unternehmenssparte Space&Communications. Seit Übernahme des Raketenbauers Rockwell Collins im Jahr 1996 ist Boeing größter Auftragnehmer der Nasa mit einem Spartenumsatz von zuletzt elf Milliarden Dollar. Unter Ertragsgesichtspunkten gilt allerdings speziell das ISS-Programm als Renditekiller: „Es geht dort mehr um die Ehre als ums Business“, sagt ein deutscher Raumfahrtexperte. Ohnehin gilt die gesamte Raumfahrt nicht als sonderlich ertragsstark.

Auch Europas Raumfahrtindustrie hat seit Jahren mit Rentabilitätsproblemen zu kämpfen. In Zeiten schwacher Konjunktur leiden Raumfahrtbehörden und Forschungsinstitute unter immer knapper werdender Budgets. Die Folge: Rote Zahlen für die Industrie, die zudem von der Krise in der Satellitenbranche gebeutelt wird. So gehört etwa die Raumfahrtsparte von EADS zu den größten Sorgenkindern des europäischen Konzerns. Allein in den ersten neun Monaten 2002 hatte der Konzernbereich 101 Millionen Euro Verlust vor Steuern und Zinsen geschrieben. Für 2004 hat sich EADS vorgenommen, die Sparte wieder in die Gewinnzone führen zu können – ein ehrgeiziger Plan, der nach der Katastrophe in den USA nicht einfacher wird.

Konkurrent Boeing indes wird trotz der Columbia-Katastrophe vergleichsweise gut im Geschäft bleiben. „Wenn es zu einer Streckung des ISS-Programms kommen sollte, müssen wir sicher mit Umsatzausfällen rechnen“, sagte ein Boeing-Sprecher zwar. Mittelfristig sei jedoch zu erwarten, dass die Nasa bald mehr Kapital in die Entwicklung eines Space-Shuttle-Nachfolgers stecke. Die Entwicklungssparte bei Boeing hier erst kürzlich einen Auftrag über gut 300 Millionen Dollar von der US-Regierung erhalten. „Eine Katastrophe wie diese wird die Entwicklung eines neuen Raumgleiters eher beschleunigen“, glaubt auch DLR-Direktor Klaus Berge.

Das System des Space Shuttle stammt aus den 60er-Jahren und unterliegt immer wieder der Kritik, sündhaft teuer, unflexibel und zu risikoreich für die Astronauten zu sein. Boeing hatte die Columbia-Raumfähre erst im Vorjahr wieder einer aufwändigen Überholung unterzogen. „Da wurde bis auf die letzte Schraube alles auseinander genommen“, sagte der Boeing-Sprecher. Ein Raumgleiter der neuen Generation soll die Betriebskosten um bis zu 90 Prozent senken und dabei die Zuverlässigkeit steigern.

Boeing hat dafür in Kooperation mit anderen, auch europäischen Firmen, einen potenziellen Space-Shuttle-Nachfolger namens X-37 entwickelt, der 2006 zum ersten Testflug starten soll. Bis dahin wird die Industrie noch so manche Diskussion überstehen müssen, ob die aufwändige Finanzierung der bemannten Raumfahrt noch angemessen ist. Die Nasa muss jeden ihrer Haushaltspunkte immer stärker vor der US-Regierung rechtfertigen. Nach der Katastrophe der Columbia, bei der sieben Astronauten ihr Leben ließen, wird die Debatte aufs Neue geführt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar