Wirtschaft : Rausschmiss statt Jubiläumsfeier

Die Mitarbeiter wollen sich mit der Schließung nicht abfinden. Für Oberschöneweide ist sie eine Katastrophe

C. van Lessen/D.Mohr

Hinter der Werksschranke ist es am Donnerstagmittag so still, als sei Samsung schon tot, nicht erst zum Jahresende. Auf dem großen Parkplatz glänzt nur ein schwarzer BMW der Geschäftsleitung. Hin und wieder fährt ein Lieferwagen hindurch, auf dem „Messtechnik“ steht oder „Kurierdienst“. Ein Lastwagen mit leerem Container verlässt den Hof. Aber Arbeiter sieht man im Werk des Bildröhrenherstellers in Oberschöneweide kaum.

Es ist seit zwei Wochen nicht viel los, am Donnerstag aber ist letzter Tag der Kurzarbeit. Die Krise des Herstellers ist nicht neu. Vor der Pförtnerloge versammeln sich ein paar Mitarbeiter, um die Protestdemo um 18 Uhr vor dem Roten Rathaus zu besprechen. „Wir wollen alle mobilisieren, auch die Angehörigen“, sagt Stefan Hille. Er ist 41 Jahre alt und Anlagentechniker. Im nächsten Jahr wollte er in der Firma 25 Jahre Jubiläum feiern. Jetzt sind nur noch 40 Tage Produktion geplant.

Hille steht vor dem Werktor, schaut die lange Fabrikwand mit den blauen Treppenhaustürmen entlang. „Hier stand mein Kindergarten.“ Dann wurde an dieser Stelle1982 der Neu- und Erweiterungsbau für das WF-Farbbildröhrenwerk für Elektronik hochgezogen. „Ich habe es mit aufgebaut“, sagt er stolz. Seine Mutter hat hier geschuftet, noch in den alten Hallen, insgesamt 30 Jahre. Das Werk war der letzte große Industrie-Anker in Oberschöneweide. Nun das Aus? „Unfassbar“, sagt Hille. Und doch haben es alle, die hier arbeiten, schon seit drei, vier Jahren befürchtet. Der Betriebsrat habe, heißt es, rechtzeitig auf die Gefahren hingewiesen und auf eine Produkt-Änderung gedrängt. Die Bildröhren fanden beim Run auf die moderneren Flachbildschirme keinen Markt mehr. Spätestens nach der Funkausstellung, vermuteten viele im Werk, werde das Aus verkündet. Aber sie hofften doch, dass ein Unternehmen vom Rang Samsung eine Lösung findet. Hille weist auf kleine Firmentafeln an der Pförtnerloge. „Auch die trifft es.“ Es sind Zulieferbetriebe für ein Werk, das vor der Schließung steht.

Als Anlagetechniker rechnet er sich in seinem Alter kaum noch Chancen auf einen neuen Arbeitsplatz aus. Jürgen Hertel, der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, ist schon 38 Jahre im Werk, er hat hier gelernt, und als er anfing, waren hier 8000 Menschen beschäftigt. Jetzt sind es nicht einmal ein Zehntel davon, und 2006 werden es wohl nur noch 50 Leute in der Forschung sein. 50 auf einem riesigen Gelände mit acht Hallen. „Das ist kein Problem des Marktes, das ist eines des Managements“, sagt Hertel bitter. Er ist Prozess-Ingenieur. Auf dem Arbeitsmarkt hätte er vielleicht Chancen, wenn er höchstens 45 Jahre alt wäre. Hertel ist 55.

Führen vor dem Werk nicht drei Straßenbahnlinien, wäre es noch stiller in der Ostendstraße. „Der Name passt doch“, spöttelt ein Arbeiter. Ging nicht erst vor einem halben Jahr die Batteriefabrik pleite? „Hier geht alles den Bach runter,“ sagt Hille. Er hat als Oberschöneweider den stetigen Niedergang miterlebt.

Am Abend treffen sie sich vor dem Roten Rathaus, 500 Mitarbeiter aus Oberschöneweide. Hier sind sie laut, hier demonstrieren sie. Die Stimmung ist kämpferisch. „Fördergelder eingestrichen und dann aus der Stadt geschlichen“ steht auf Schildern, die sie mitgebracht haben. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit taucht kurz auf. Wirtschaftssenator Harald Wolf ruft ihnen zu, dass man nicht kampflos aufgeben werde. „Wir fordern die soziale Verantwortung des Unternehmens gegenüber dem Standort Berlin ein“, sagt Wolf. Es wird immer wieder heftig applaudiert. Auch Jörg Wiegand ist zum Roten Rathaus gekommen, er ist 45 Jahre alt, sein halbes Leben hat er in Oberschöneweide gearbeitet. Er sagt das, was alle an diesem Tag sagen: „Das war abzusehen.“ Wiegand klingt nicht ganz so entschlossen wie der Wirtschaftssenator, wenn er sagt „Wir versuchen zu kämpfen“.

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