Ravensburger : Minus in der Spielefabrik

Ravensburger bringt jährlich 30 Neuheiten auf den Markt. Trotzdem ist der Umsatz in diesem Jahr gesunken.

Moritz Honert
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Kinderspiel des Jahres 2008. Ein Mitarbeiter vermisst eine Figur aus „Wer war’s?“. Sie ist exakt 35,08 Millimeter groß. Fotos (2):...

RavensburgJedes Jahr kurz vor Heiligabend zweifelt Karsten Schmidt wieder einmal an den Gesetzen der Marktwirtschaft. Das Phänomen widerspricht jeder Lehrbuchweisheit, sagt der Chef der Spielefirma Ravensburger. „Im Weihnachtsgeschäft, wenn mit Abstand die meisten Brettspiele gekauft werden, unterbieten sich die Einzelhändler mit Dumpingpreisen.“ Die Nachfrage bestimmt den Preis? Für die Spielebranche scheint das nicht zu gelten.

Schmidt sitzt in seinem Büro in der Firmenzentrale der Spielefirma vom Bodensee. Ein fünfstöckiges Gebäude aus Glas und Metall. Krawattenbau nennen es die Arbeiter aus der angrenzenden Produktionshalle. Die Krawatte hat Schmidt, 53 Jahre, weiße Haare, weißes Hemd, heute jedoch mal weggelassen.

Es ist kurz vor dem vierten Advent. Hinter den Panoramafenstern fällt Schnee, doch Schmidt spricht von Sand – von Sand im operativen Geschäft. „Wir erwarten in diesem Jahr ein Umsatzminus von drei Prozent“, sagt Schmidt. Schuld daran sei jedoch nicht das Weihnachts-, sondern primär das Auslandsgeschäft. Um jeweils zehn Prozent sei in diesem Jahr der Umsatz in England, Spanien, der Schweiz und den USA eingebrochen. Dass das Gesamtergebnis nicht noch weiter abrutschte, verdankt Ravensburger der ungebremsten Spielelust der Deutschen. „Hierzulande kaufen die Leute in Krisenzeiten mehr Brettspiele“, sagt Schmidt. Die seien billiger als beispielsweise Kinokarten für eine vierköpfige Familie und sorgten auch noch für länger anhaltenden Spaß.

Für Spaß zu sorgen, ist jedoch nicht Schmidts erste Aufgabe. Er soll verkaufen. In die Entwicklung der Spiele, die sich die Deutschen unter die Weihnachtsbäume legen, mische er sich also nicht ein, sagt er. Dafür habe er Experten.

Einer davon ist Lothar Hemme. Auch er arbeitet im Krawattenbau, auch er trägt keine. Als einer von vier Redakteuren ist er bei Ravensburger für die Entwicklung neuer Spielideen zuständig. Wer ihm zuhört, verabschiedet sich schnell von der Vorstellung, ein Spieleverlag sei ein Hort unbändiger, ungelenkter Kreativität. Das Geheimnis hinter erfolgreichen Titeln ist vielmehr „Strategisches Management“, erklärt der 58-Jährige unumwunden. „Wir entwickeln nicht, wir kaufen ein.“

Eine seiner Aufgaben ist es, in jedem Frühjahr zu überprüfen, welche Spiele gut laufen und welche Marktsegmente sich erweitern lassen. Daraus entwickelt sein Team in Absprache mit den ausländischen Partnern sogenannte Suchfelder. „Die muss man sich als eine Art Leitplanke vorstellen“, sagt Hemme. Die lautet dann beispielsweise so: Ein Spiel für bis zu Fünfjährige, die erste englische Vokabeln lernen sollen, und das nicht länger als 30 Minuten dauert. Das war’s.

Mit solchen Eckdaten versorgt, machen sich freie Autoren an die Arbeit – das ist billiger, als eigene zu beschäftigen. Die Entwürfe wiederum verwandeln Hemme und seine Kollegen in fertige Produkte, die dann zu einem Großteil in der quaderförmigen Produktionshalle auf dem Firmengelände, der sogeannten „braunen Schachtel“ hergestellt werden. Lastwagengroße Druckmaschinen stehen darin, gewaltige Stanzen für die Puzzleteile, Roboter, die Kartons bekleben und die fertigen Spiele und Puzzle auf Paletten verladen. Rund 18 000 davon mit bis zu 1000 Schachteln stapeln sich in der gewaltigen Lagerhalle bis unter die 21 Meter hohe Decke. Rund 30 neue Spiele bringt Ravensburger so jedes Jahr auf den Markt. Das System funktioniert gut, sagt Hemme. Nur leider sei ein Erfolg auch auf diese Weise nur selten wirklich planbar.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass es in den letzten Jahren immer schwieriger wird, klare Zielgruppen auszumachen, sagt Hemme. „Bei Spielen gibt es keine Uniformität wie bei Mode oder Musik.“ Während viele Franzosen Buchstaben- und Wortspiele liebten, verkauften sich in Deutschland abstrakte Spiele – also solche ohne Hintergrundgeschichte, die nur auf Logik- oder Kombinationsfähigkeiten setzen – besonders gut. Die Schnittmengen zwischen den Märkten würden kleiner.

Deshalb nimmt das Angebot auch immer weiter zu. Auf der Spielemesse in Nürnberg wurden in diesem Jahr mehr als 600 Neuerscheinungen vorgestellt. Viele davon erscheinen nur in kleinen Auflagen von wenigen hundert Exemplaren und richten sich an Vielspieler – eine kleine aber treue Gruppe, die auch vor extrem komplexen Regeln keine Angst hat. Diesen kleinen Markt versorgt Ravensburger mit seiner Tochter Alea. „Allerdings mehr aus Imagegründen, nicht weil sich das besonders rechnet“, wie Hemme zugibt.

Viele Spielverlage gehen angesichts dieser Schwierigkeiten auf Nummer sicher und setzten statt auf Neu- immer mehr auf Weiterentwicklungen bereits erfolgreicher Titel. Nicht nur „Die Siedler von Catan“ aus dem Kosmos-Verlag und „Carcassonne“ aus dem Hause Hans im Glück haben über die Jahre zahlreiche Neueditionen und Ergänzungssets bekommen. Auch Ravensburger hat „Das verrückte Labyrinth“ inzwischen in sieben Ausführungen vorrätig, den Klassiker „Scotland Yard“ in „Mister X“ verwandelt und auch „Memory“, das in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feierte, ist in unzähligen Varianten auf Lager. Kommendes Jahr wird ein Nachfolger der Kartenspiels „Phase 10“ erscheinen und ein neuer Geburtstag steht 2010 auch schon wieder ins Haus. Der Klassiker „Malefiz“ wird 50.

Ravensburgers Verkaufsschlager in diesem Weihnachtsgeschäft ist allerdings der des vergangenen Jahres – das „Kinderspiel des Jahres 2008“. Eine Auszeichnung ist ein Garant für hohe Verkaufszahlen. „Wer war’s?“ heißt das Spiel und ist bezeichnend für eine weitere Neuausrichtung des Verlags: das Zusammenführen von Brettspielen mit elektronischen Komponenten. „Die Grenzen müssen fallen“, sagt Karsten Schmidt. Zwar seien Videospiele keine direkte Konkurrenz, der Markt existiere vielmehr parallel. Trotzdem wäre es töricht, die Zukunft zu verschlafen.

Und so wurde im vergangenen Mai, obwohl sich Ravensburger schon in den Jahren vor Schmidt einmal gehörig auf dem Softwaremarkt verzettelte, mit der Ravensburger Digital GmbH eine Tochter gegründet, die Software entwickeln und vermarkten soll. Für kommenden Mai ist das erste große Projekt geplant. Was es sein wird, will Schmidt noch nicht verraten. Auch nicht, was er am heutigen Heiligabend unter den Weihnachtsbaum legen wird. Nur Spiele, so viel verrät er, werden es nicht sein. Die gibt es das Jahr über schon zur Genüge.

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