Wirtschaft : Razzia beim Reeder

Niels Stolberg, Gründer der Beluga-Reederei, hat Ärger mit einem US-Investor und der Justiz

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Betrug an Bord? Manager der Reederei Beluga sollen dem US-Investor Oaktree geschönte Bilanzen vorgelegt haben, damit der dringend benötigte Gelder fließen lässt.Foto: promo
Betrug an Bord? Manager der Reederei Beluga sollen dem US-Investor Oaktree geschönte Bilanzen vorgelegt haben, damit der dringend...Foto: dapd

Bremen - Wer steil aufsteigt, kann tief stürzen. Diesmal hat es Niels Stolberg getroffen, den umtriebigen Gründer der Bremer Beluga-Reederei. Der 50-jährige Wirtschaftsingenieur mit Kapitänspatent hatte eine US-Investmentgesellschaft an Bord geholt und ist jetzt eines ihrer ersten Opfer geworden: Nach gut 15 Jahren musste er vergangene Woche plötzlich die Kommandobrücke verlassen. Jetzt bekam er Besuch von 50 Polizisten und Staatsanwälten. Die Ermittler filzten seinen Wohnsitz in Bad Zwischenahn und sein Ferienhaus auf der Nordseeinsel Spiekeroog. Ihr Verdacht: Stolberg und weitere Manager sollen den US-Investor Oaktree mit geschönten Bilanzen betrogen haben, damit er sich bei Beluga engagiert und dringend benötigte Gelder fließen lässt. Oaktree selbst hatte den Ermittlern den Tipp gegeben.

Stolberg war der Paradiesvogel unter den Schiffseignern – unkonventionell, experimentierfreudig und vielfältig sozial engagiert. 2008 setzte er erstmals auf einem Frachter einen Zugdrachen ein, der den Dieselmotor unterstützte, zum Nutzen von Firmenkasse und Umwelt. 2009 das nächste Wagnis: Als angeblich erstes kommerzielles Frachtschiff durchquerte die „Beluga Fraternity“ die gesamte Nordostpassage nördlich Sibiriens.

Auch als Sponsor kam der Vater dreier Töchter gut an: hier ein paar Millionen für Werder Bremen, dort die eine oder andere Nautik-Stiftungsprofessur, im fernen Thailand eine Art Dorf für Tsunami- Waisen, im nahen Oldenburg ein Handballer-Internat, auf Spiekeroog ein Künstlerhaus. Stolbergs Credo: „Es ist unsere Pflicht als Unternehmer, soziale Verantwortung zu übernehmen.“

Ende 1995 hatte die Firma ganz klein angefangen: in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Heute ist Beluga eine der größten Schwergutreedereien der Welt. Die moderne Firmenzentrale lenkt den Einsatz von 72 eigenen oder fest gecharterten Mehrzweckfrachtern. An Bord, in Bremen und in 15 weltweiten Niederlassungen arbeiten mehr als 2000 Menschen. Allein 2011 und 2012 sollen zwölf Frachter vom Stapel laufen. Aber es gab auch Rückschläge. Seit 2008 wurden drei Beluga-Frachter von Piraten überfallen – ein trauriger Rekord. Ein Schiff ist aktuell immer noch in ihrer Gewalt.

Und nun haben Geldgeber Stolberg in der Hand, die als Finanzhaie oder Heuschrecken bezeichnet werden. Er hatte sie selbst gerufen. Mitte 2010 übernahm Oaktree die ersten Beluga-Anteile, angeblich nur als „starker Partner“, um eine Expansion zu finanzieren. Heute ist klar: Es geht nicht mehr ums Vergrößern, sondern ums Überleben. Der neue Investor plant eine „finanzielle Restrukturierung“ und hat dafür seine Anteile bereits auf 49,5 Prozent aufgestockt, mit Appetit auf mehr.

Viele fürchten jetzt, dass die Amerikaner nicht als Helfer kommen, sondern um Beluga auszunehmen. Oaktree ist berüchtigt für seine hohen Rendite-Erwartungen. Für den alten Kapitän haben die Geldgeber keinen Platz mehr auf der Brücke. Auch mehrere andere Beluga-Manager wurden ausgewechselt.

Der Fall Stolberg erinnert viele in Bremen an die Vorgänge beim Vulkan-Konzern. Dessen Chef Friedrich Hennemann ließ den Werftenverbund expandieren, bis 1996 alles zusammenbrach. Diesmal möge es nicht so enden, hoffen nicht nur die Bremer, sondern auch Tausende von Kleinanlegern. Sie haben ihr Geld in Schiffsfonds gesteckt, mit denen ein Großteil der Beluga-Flotte finanziert wurde. Wer auf jeden Fall verlieren dürfte, sind die unzähligen sozialen Sponsorprojekte. Die Zeit der Wohltaten ist für Niels Stolberg vorbei.

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