Wirtschaft : Razzia in München und Erlangen

Rund 200 Beamte im Einsatz. Es geht um einen zweistelligen Millionenbetrag. Betroffen ist die Festnetzsparte. Siemens kooperiert

Corinna Visser

Berlin - Um sechs Uhr morgens kamen die Ermittler: 200 Polizisten, Staatsanwälte und Steuerfahnder haben am Mittwoch in einer groß angelegten Razzia den Siemens-Konzern durchsucht. Die Ermittler nahmen sich 30 Objekte in München und Erlangen vor, darunter auch die Konzernzentrale am Wittelsbacher Platz. Sie durchsuchten sowohl Büros als auch Privatwohnungen. „Es besteht der Verdacht, dass Mitarbeiter Gelder der Firma veruntreut haben“, sagte der Münchner Oberstaatsanwalt Anton Winkler dem Tagesspiegel. Woher der Verdacht kommt, ob es eine Anzeige gegeben hat, wollte Winkler „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht sagen. Der Siemens-Konzern habe aber seine Kooperation zugesagt. Die Beamten waren auch am späten Nachmittag noch im Einsatz. Die Berliner Siemens-Standorte wurden nach Aussage des Münchner Oberstaatsanwaltes nicht durchsucht.

In einer ersten Stellungnahme teilte Siemens mit, es bestehe der „Verdacht der Veruntreuung in einer noch nicht geklärten Anzahl von Einzelakten im Bereich des Festnetzgeschäfts“. Dabei handele es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft nach dem derzeitigen Stand um einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag, teilte Siemens weiter mit. Beschuldigt seien insgesamt sechs ehemalige und noch aktive Mitarbeiter des Unternehmens. Die Siemens AG sei in diesem Zusammenhang Zeugin. Oberstaatsanwalt Winkler wollte die Angaben zur Zahl der Beschuldigten und der genannten Summe nicht bestätigen. Der Bayerische Rundfunk berichtete, dass bei der Polizeiaktion mehrere Haftbefehle vollstreckt worden seien. Auch das wollte Winkler nicht bestätigen. Zu weiteren Details wollte auch Siemens wegen des laufenden Verfahrens keine Stellung nehmen.

Nach Informationen des Handelsblatts sind auch Führungskräfte betroffen. Die Ermittlungen richteten sich gegen Manager bis auf die Ebene der Bereichsvorstände von Siemens, hieß es aus Industriekreisen. Dies wäre die zweite Führungsebene. Vorstände der Siemens AG selbst sind demnach nicht betroffen.

Vor diesem Hintergrund ist das Ausmaß der Ermittlungen ungewöhnlich. Nach Einschätzung aus Fahnderkreisen gehört die Razzia zu den größten Einsätzen ihrer Art seit langem. Zwar hat es in der Vergangenheit mehrfach Ermittlungen gegen Siemens wegen Korruptions- oder Untreueverdacht gegeben, doch sei die Dimension der Razzia vom Mittwoch außergewöhnlich. So erhob die Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main im März Anklage gegen ein ehemaliges Vorstandsmitglied und einen weiteren Ex-Mitarbeiter des Bereichs Power Generation der Siemens AG in Offenbach.

Ein Siemens-Sprecher bekräftigte, man sei an der Aufklärung der Vorwürfe interessiert und werde die Ermittler unterstützen. Er verwies auf die strengen Verhaltensrichtlinien für alle Mitarbeiter. Zahlungen an Kunden seien damit nicht vereinbar. Offenbar drehen sich die Ermittlungen um Bestechungsgelder für potenzielle Auftraggeber. Siemens ist stark im Projektgeschäft tätig. Hier kommt es international immer wieder vor, dass sich Mitarbeiter durch Geldzahlungen Aufträge und somit Provisionen sichern wollen. Die Festnetzsparte gehört zu den vom Siemens-Umbau stark betroffenen Bereichen. Wichtige Teile des Geschäfts sollen in das neue Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks eingebracht werden. Für den Bereich war eine Zeit lang auch der jetzige Konzernchef Klaus Kleinfeld verantwortlich. mit cha (HB)

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