Wirtschaft : Realitätsverlust im Brokat-Vorstand

Henrik Mortsiefer

Wieder ein Fall von Größenwahn am Neuen Markt, den die Anleger bezahlen müssen: Der Finanzsoftware-Hersteller Brokat hat noch drei Wochen Zeit, um sein Überleben zu sichern. Nach Lage der Dinge wird die Frist für das überschuldete Unternehmen ungenutzt ablaufen. Die Gläubiger wollen für Brokat nicht mehr gerade stehen, Käufer sind nicht in Sicht. 900 Mitarbeiter stehen vor dem Aus, die Aktionäre werden auf ihren Penny-Stocks sitzen bleiben. Schon im Juni hat ein Bankhaus das Kursziel auf null Euro gesetzt. Es dürfte das einzige Ziel bleiben, das Brokat verlässlich erreicht.

Software für Finanzdienstleister - das war vor nicht allzu langer Zeit eine Investition wert. Doch in den Händen des Herstellers Brokat war das Kapital schlecht angelegt. Die Stuttgarter haben ihre Marktchancen überschätzt und ihre Anteilseigner über die Risiken im Ungewissen gelassen. Stattdessen wurde im großen Stil expandiert. Dass Brokat zur Finanzierung des Wachstums noch im März 2000 eine Anleihe mit der aberwitzigen Verzinsung von 11,5 Prozent auf den Markt brachte, zeugt vom Realitätsverlust des Vorstands. Jetzt droht Brokat an der Auflösung der Anleihe zu zerbrechen. Besonders ärgerlich für die geprellten Aktionäre ist das Auftreten des Vorstands, der am Montag allen Ernstes schwarze Zahlen für 2002 in Aussicht stellte. Wie dies bei einem Nettoergebnis von aktuell minus 1,9 Milliarden Mark gelingen soll, bleibt sein Geheimnis. Da setzt der Aufsichtsrat deutlichere Zeichen: In dem Gremium sitzt seit einiger Zeit der Sanierungsexperte Dirk Pfeil. Er hat sich als Insolvenzverwalter der Skandalfirmen Metabox und Gigabell einen Namen gemacht. Kein gutes Omen für Brokat.

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