Wirtschaft : Rechnen oder zahlen

Die Experten vom Steuerschätzerkreis jonglieren das ganze Jahr mit Zahlen – in einer Woche wird Bilanz gezogen

Antje Sirleschtov

Dienstag in einer Woche geht es wieder los. Dann besteigen überall in Deutschland Volkswirte, Statistiker, Beamte und Politstrategen Flugzeuge und Bahn, um sich in Frankfurt am Main drei Tage lang mit gewaltigen Zahlenkolonnen zu beschäftigen. Ihr Ziel: die Steuerschätzung. Und wenn die gut 30 Rechenexperten dann am 6.November vor die Presse treten, dann werden sie bekanntgeben, wie viele Steuern die deutschen Arbeitnehmer und Unternehmer im nächsten Jahr voraussichtlich bei Kommunen, Ländern und beim Bund abliefern werden.

Oder zumindest, wie viel sie glauben, dass abgeliefert werden. Denn seit Jahrzehnten trifft sich der exklusive Klub regelmäßig zwei mal im Jahr, im Mai und im November, und einigt sich auf eine Steuerschätzung. Und immer wieder wird ihre Schätzung ein paar Monate später von der Realität eingeholt. Was machen die da, fragt vor allem in den letzten Jahren eine immer größer werdende Kritikerschar. Können die nicht rechnen? Oder folgt dieser Schätzerkreis aus illustren Experten am Ende auch nur den Regeln eines ganz profanen Lottospiels?

Mit Lotto oder Hexerei, sagt eine der Schätzerinnen, Kristina van Deuverden, habe das Ganze natürlich nichts zu tun. „Erfahrung“, meint sie, sei das wesentliche Rüstzeug. Und natürlich Zahlen, Zahlen, Zahlen. Haufenweise fließen Statistiken und Umfragen jeden Monat bei der Wissenschaftlerin am Hallenser Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) genauso wie bei allen anderen Beteiligten in die Rechnersysteme ein.

Sie kommen unter anderem aus dem Statistischen Bundesamt und den Landesämtern, die penibel jeden Steuereuro, der bei den Finanzämtern eingeht, erfassen und katalogisieren. Die Zahlen werden vom Finanz- und Wirtschaftsministerium bereitgestellt, wo so genannte interministerielle Arbeitskreise vorher auch schon jede Menge Statistiken ausgewertet und eine Wachstumsprognose für die Wirtschaft abgegeben haben.

All das kennt die Volkswirtin van Deuverden beinahe aus dem Effeff. Zwar ist sie erst Mitte 30 und gehört damit eher zu den Jüngeren im Schätzerkreis. Weil sie aber jeden Tag in ihrem Büro über Einkommenssteuerstatistiken brütet und den Einfluss etwa von Tarifverträgen auf die Kirchensteuer berechnet, bezeichnet sie sich selbst schon jetzt als „alten Hasen“.

Und dennoch ist die ganze Steuerschätzung auch für sie ein Spiel mit vielen Unbekannten. Zum Beispiel, weil sich die deutschen Unternehmen gerade in Steuersachen kaum in die Karten sehen lassen. Niemand, weder unter den Wissenschaftlern noch in irgendwelchen Finanzbehörden, weiß beispielsweise auch nur einigermaßen zuverlässig, wie viele Milliarden Verlustvorträge die Firmen in ihren Bilanzen gebunkert haben. Beträge, die sie jederzeit gegen Gewinne verrechnen können und damit noch so genaue Steuervorausberechnungen zu glatten Falschmeldungen degradieren.

Oder der ganze Gesetzeswirrwar, der Anfang November noch nicht im Gesetzblatt steht, aber Mitte 2004 schon gewaltige Auswirkungen auf die Steuereinnahmen haben wird. In die Steuerprognose nächste Woche fließen diese Gesetze nicht ein, denn die Schätzer betrachten nur das „geltende Recht“. Im Mai allerdings, ahnt van Deuverden, „wird wieder ein Milliarden-Steuerloch in den Zeitungen stehen“. Und die Leser werden den Kopf darüber schütteln, was im November zuvor für falsche Zahlen berechnet wurden.

Und doch werden die Schätzer auch nächste Woche wieder eine Tabelle liefern, auf deren Grundlage die Kassenwarte in den Städten, Ländern und beim Bund ihre Haushalte planen. Van Deuverden wird dafür genauso wie alle anderen einen dicken Aktenordner mitbringen, in dem sie die Einnahmen der Finanzämter der letzten Monate aufgelistet hat – von der „Lohnsteuer“ über die „Feuerschutzsteuer“ bis zur „Zwischenertragssteuer auf alkoholische Vorprodukte“. Auch wird sie Umfragen über Ertrags- und Umsatzerwartungen von Unternehmen ausgewertet haben. Und nicht zuletzt fließen in die Diskussion des Steuer-Schätzerkreises über die gemeinsame Prognose der Staatseinnahmen auch ihre eigenen täglichen Erfahrungen ein. Beim Tanken, beim Einkaufen oder Zeitung studieren. Denn Zahlen, sagt die Steuerschätzerin, „sind viel mehr als Produkte der Mathematik.“

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