RECHTS Frage : an Ulrich Schellenberg Rechtsanwalt und Notar

Erben wir von der Stiefmutter?

an Ulrich Schellenberg

Wir sind drei Geschwister. Unser Vater hat nach der Scheidung von unserer Mutter erneut geheiratet. Seine zweite Frau ist jünger als er und kinderlos. Vor sechs Jahren bat er uns, auf unsere Erbansprüche gegen eine pauschale Zahlung eines Geldbetrages zu verzichten. Er wollte hierdurch sicherstellen, dass seine Frau nach seinem Ableben finanziell abgesichert ist und Erbauseinandersetzungen vermieden werden. Wir sind damals auf den Wunsch unseres Vaters eingegangen und haben die entsprechenden Erklärungen (Erb- und Pflichtteilsverzicht) bei einem Notar abgegeben, haben uns also „enterben“ lassen. Jetzt tauchte bei einem Gespräch unter uns Geschwistern die Frage auf, wie denn die weitere rechtliche Erbfolge ist für den Fall, dass nach dem Ableben unseres Vaters irgendwann seine Frau stirbt. Stehen uns als Stiefkindern dann noch irgendwelche Erbansprüche zu?

Die gesetzliche Erbfolge stellt – mit Ausnahme des Ehepartners – auf das Abstammungsverhältnis zum Erblasser ab. Im Regelfall sind deshalb neben dem Ehepartner die Kinder des Verstorbenen zur gesetzlichen Erbfolge berufen. Leben zum Zeitpunkt des Todes keine Kinder, so sind die Eltern des Verstorbenen und deren Abkömmlinge dessen gesetzliche Erben. Das gesetzliche Erbrecht bezieht sich also immer auf die unmittelbar eigene Familienlinie. Dies bedeutet, dass Sie und Ihre Geschwister zwar gesetzliche Erben nach Ihrer Mutter und Ihrem Vater sind, nicht aber nach der zweiten Ehefrau Ihres Vaters.

Diese gesetzliche Erbfolge kann sowohl durch Testament als auch durch Erbvertrag oder, wie es in Ihrem Fall geschehen ist, durch einen Erb- und Pflichtteilsverzicht gestaltet werden. Durch den Erb- und Pflichtteilsverzichtsvertrag haben Sie wirksam auf Ihr gesetzliches Erbrecht verzichtet und dafür im Gegenzug eine Abfindung erhalten. Nach dem Tod Ihres Vaters wird seine zweite Ehefrau sein Vermögen erben. Damit wechselt das Vermögen nun in deren Linie. Im Falle ihres Todes würden – mangels eigener Abkömmlinge – die Eltern Ihrer Stiefmutter und – falls diese vorverstorben sind – deren Kinder zu gesetzlichen Erben berufen sein.

Etwas anderes würde nur gelten, wenn Ihr Vater Ihre Stiefmutter als Vorerbin und seine drei Kinder als Nacherben eingesetzt hätte. In diesem Falle würde der Nachlass Ihres Vaters nach dem Tod Ihrer Stiefmutter wieder auf Sie zurückfallen. Selbstverständlich steht es Ihrer Stiefmutter frei, Sie als testamentarische Erben einzusetzen. Voraussetzung ist aber, dass Ihre Stiefmutter zu Ihren Gunsten ein wirksames Testament errichtet.Foto: Mike Wolff

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