RECHTS Frage : an Ulrich Schellenberg Rechtsanwalt und Notar

Wie legt man Testamente aus?

an Ulrich Schellenberg

Meine Eltern haben 1994 ein sogenanntes „Berliner Testament“ gemacht, in dem sich beide gegenseitig als Erben einsetzen. Hinzugefügt haben sie den Zusatz: „Liegt nach dem letzten von uns eine anderweitige Verfügung nicht vor, so sind Schlusserben unsere Söhne Martin und Alexander.“ Mein Vater verstarb im Jahr 2000. Mein Bruder Martin starb Anfang 2011 und hinterließ zwei Töchter. Meine erste Frage: Wer erbt im Falle des Todes meiner Mutter? Meine zweite Frage: Wer erbt, wenn auch ich vor meiner Mutter sterben würde? Ich habe eine Tochter und einen Sohn.

Nach dem Tod Ihres Vaters ist zunächst Ihre Mutter Alleinerbin geworden. Nach dem Willen Ihrer Eltern sollten Sie und Ihr damals noch lebender Bruder nach dem Tod Ihrer Mutter das dann noch vorhandene Vermögen Ihrer Eltern erben.

Durch den frühen Tod Ihres Bruders ist diese Erwartung nicht eingetreten, denn es gilt der Grundsatz, dass nur derjenige erben kann, der zum Zeitpunkt des Erbfalls noch am Leben ist. Durch seinen Tod ist Ihr Bruder als Schlusserbe weggefallen. Es ist nun zunächst zu prüfen, ob Ihre Eltern in dem Testament eine Regelung über einen „Ersatzerben“ getroffen haben. Als „Ersatzerbe“ wird derjenige bezeichnet, der im Testament als Erbe genannt wird, sofern der eigentlich vorgesehene Erbe vorverstorben ist. Gerade dann, wenn die Eltern ihre Kinder gleich behandeln möchten, wird oft eine Regelung getroffen, dass als Ersatzerben die jeweiligen Abkömmlinge eines der Kinder berufen werden, sofern ein Kind vorversterben sollte.

Findet sich im Testament Ihrer Eltern allerdings kein Hinweis darauf, dass die Töchter Ihres Bruders als Ersatzerben berufen sind, muss das Testament ausgelegt werden. Es muss also gefragt werden, ob sich in dem Testament Anhaltspunkte dafür finden, dass auch nach dem Tod Ihres Bruders dessen Abkömmlinge am Nachlass beteiligt sein sollen. Lässt sich dies nicht in die eine oder andere Richtung eindeutig klären und bleiben insoweit Zweifel, so greift in Ihrem Falle die gesetzliche Auslegungsregel des Paragrafen 2069 BGB. Danach ist „im Zweifel“ davon auszugehen, dass im Falle des Todes Ihrer Mutter die eine Hälfte des Nachlasses auf die Töchter Ihres verstorbenen Bruders und die andere Hälfte auf Sie übergeht. Dies gilt natürlich auch in dem Fall, in dem Sie vor Ihrer Mutter versterben sollten. In diesem Falle ginge das Erbe „im Zweifel“ auf die vier Abkömmlinge zu gleichen Teilen über. Ihr Fall zeigt aber, wie wichtig es ist, ein Testament klar und eindeutig zu fassen und dabei auch im Bewusstsein zu haben, dass es oft anders kommen kann, als man es erwartet. Foto: Mike Wolff

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