Recycling : Schatzsuche in der Berliner Mülltonne

Mit einem Abfallwirtschaftskonzept haben Berliner Senat und das Abgeordnetenhaus soeben Weichen für die kommenden Jahre gestellt. Steigende Rohstoffpreise machen Recycling wieder profitabler – und verschärfen die Konkurrenz.

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Nicht von Pappe. „Papierbank“-Gründer Dirk Bernhardt auf der Altpapier-Sammelstelle an der Köpenicker Straße in Kreuzberg.
Nicht von Pappe. „Papierbank“-Gründer Dirk Bernhardt auf der Altpapier-Sammelstelle an der Köpenicker Straße in Kreuzberg.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Zehn Cent pro Kilogramm können Berliner zurzeit verdienen, wenn sie Altpapier bei Dirk Bernhardts „Papierbank“ abgeben. Drei Telefonbücher zum Beispiel bringen 50 Cent ein. Bernhardt spricht von einem „wachsenden Markt“ und ist „momentan ganz zufrieden“ mit dem Umsatz. Schüler, Rentner, Zuwendungsempfänger, ganze Familien und kleinere Betriebe geben bei den Sammelstellen seiner Kreuzberger Recyclingfirma alte Bücher, Zeitschriften, Pappen und Kartons ab. „Wir haben 80 000 bis 90 000 regelmäßige Kunden in Berlin – und es werden jeden Tag mehr“, sagt der Chef. Manche Leute kämen täglich vorbei, andere nur einmal pro Jahr.

Inzwischen wurde das seit sieben Jahren laufende Geschäft auf CDs und DVDs, Metalle, Glas, Verpackungsfolien und alte Computer ausgeweitet. Die Zahl der Annahmestellen wuchs auf 50 Stationen bundesweit, von denen die meisten in Berlin und Brandenburg liegen. Die Materialien verkauft Bernhardt weiter an Fabriken und Spezialbetriebe. „Der Großteil wird in der Region verwertet“, sagt er. Für Altpapier, das noch vor zwei Jahren als Folge der Wirtschaftskrise schwer verkäuflich gewesen sei, gebe es wieder eine deutlich gestiegene Nachfrage – nicht zuletzt durch die Eröffnung einer großen neuen Papierfabrik in Eisenhüttenstadt. Gebrauchte Bücher in ordentlichem Zustand veräußert Bernhardt dagegen im eigenen „Lagerverkauf“ zu Preisen ab 50 Cent an neue Leser.

Die Recyclingbranche sei wegen deutlich steigender Rohstoffpreise „im Aufwind“, bestätigt Hauke Dierks, Experte für Umwelt und Energie bei der Industrie- und Handelskammer Berlin. Mehr noch als für Papier gelte dies für Altmetalle – dies zeigten neben der legalen Abfallwirtschaft auch die zunehmenden Kabeldiebstähle bei der Bahn. Einer der weltweiten Hauptabnehmer für Metalle ist die wachsende Industrie in China.

Allerdings floriert das Geschäft nicht in allen Bereichen. Für viele Autoverwerter zum Beispiel brachte bereits die Abwrackprämie vor zwei Jahren ungeahnte Probleme mit sich. „Viele Betriebe bekamen zehn Mal mehr Autos zur Verschrottung als üblich“, sagt Thomas Wagner, einer der beiden Geschäftsführer der „Entsorgung Punkt DE GmbH“ mit Hauptsitz in Friedrichshain. Das führte zu einem Überangebot an gebrauchten Ersatzteilen aus den Altautos und ließ die Margen beim Handel erheblich schrumpfen. Hinzu kamen Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Heute „sind die Preise wieder hoch und stabil“, sagt Wagner, doch seine Freude darüber hält sich in Grenzen. Denn nun bekämen die Fachbetriebe, die allein für ihre Zertifizierung durch Organisationen wie den Tüv jährlich 20 000 bis 40 000 Euro ausgeben müssten, eine wachsende Konkurrenz durch „illegale Autobastler, die uns die Fahrzeuge wegkaufen“. Auf Umweltbelange nähmen die unautorisierten Aufkäufer wenig Rücksicht, obwohl es bei Autos sehr wichtig sei, Öle und andere Flüssigkeiten vorschriftsgemäß zu separieren.

Wagners Firma holt die Autos kostenlos ab und nimmt unter anderem auch Elektroschrott entgegen – je nach Wert gratis oder gegen eine Gebühr. Ausgezahlt wird dagegen nichts: „Der Aufwand für die Entsorgung wird oft unterschätzt“, begründet dies der Chef. Außerdem seien Computer, Monitore oder Drucker „heute schnell nichts mehr wert“, weil dieTechnik rasch als veraltet gelte.

Mit einem Abfallwirtschaftskonzept haben der Senat und das Abgeordnetenhaus soeben Weichen für die kommenden Jahre gestellt. Im Mittelpunkt stehen CO2-Einsparungen (siehe Infokasten). Es geht auch um die Zukunft der Wertstofftonnen in Privathaushalten, um die es eine Auseinandersetzung zwischen der landeseigenen Stadtreinigung und der Recycling-Gruppe Alba gibt. Streitpunkt sind Albas „Gelbe Tonne Plus“ und die später eingeführte „Orange Box“ der BSR: Beide sind für Trockenabfälle wie Holz, Metallreste, Plastikteile und Elektrogeräte vom Rasierer bis zum Toaster gedacht. Die Umweltverwaltung wollte Alba die „Gelbe Tonne Plus“ untersagen, da die Abfallsammlung in Haushalten in kommunale Zuständigkeit falle. 2010 gab das Verwaltungsgericht beiden Seiten teilweise Recht: Alba muss seine Tonnen nicht entfernen, darf aber keine neuen aufstellen.

Alba argwöhnt, die BSR und die Umweltverwaltung wollten ein Monopol schaffen, bevor bundesweit das geplante neue Kreislaufwirtschaftsgesetz in Kraft trete. Die Novelle soll bei der Wertmüllabfuhr einen Wettbewerb zwischen kommunalen und privaten Unternehmen schaffen. Übergangsweise sieht das Berliner Konzept eine einheitliche Wertstofftonne unter kommunaler Regie, aber mit Beteiligung der Privatwirtschaft, vor.

Laut Alba-Sprecherin Verena Köttker und BSR-Finanzvorstand Lothar Kramm laufen darüber Gespräche, einen Durchbruch gebe es aber noch nicht. Kramm betont, die Vereinheitlichung sei wichtig für die Akzeptanz bei den Berlinern: „Niemand versteht es, wenn zwei Tonnen aufgestellt werden sollen.“ Privaten Müllentsorgern gehe es gar nicht primär um die Verwertung, sondern um Subventionen und Gebühreneinnahmen, sagt BSR-Sprecherin Sabine Thümler: „Die meisten Abfälle sind keine Wertstoffe“, die Verwertungskosten lägen höher als die Erlöse.

Jedenfalls bleibt der Markt in der Stadt besonders umkämpft. Schließlich liege Deutschland beim Recycling weltweit vorne, sagt Alba-Sprecherin Köttker, „und Berlin ist Deutschlands Recyclingstadt Nummer eins“.

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