Reform des ADAC : "Wir erleben eine Kulturveränderung"

ADAC-Präsident August Markl und der Berliner ADAC-Chef Manfred Voit sprechen im Interview über die Reform und Zukunft des Autoclubs.

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Abgehoben. Die Flotte der Rettungshubschrauber beförderte einst auch ADAC-Funktionäre. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Abgehoben. Die Flotte der Rettungshubschrauber beförderte einst auch ADAC-Funktionäre.Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Der 1903 gegründeten Allgemeine Deutsche Automobil-Club zählt mehr als 19 Millionen Mitglieder, beschäftigt 9200 Mitarbeiter und macht im Jahr rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz.

Herr Markl, wie geht es nach den Lübecker Beschlüssen vom Wochenende nun weiter mit dem ADAC?
MARKL: Zunächst einmal freue ich mich sehr, dass wir am Wochenende in Lübeck eine so deutliche Mehrheit für die Neuausrichtung des ADAC bekommen haben. Wir sind froh darüber, dass jetzt alles über die Bühne gebracht ist und wir die Pläne, die in den vergangenen beiden Jahren ausgearbeitet worden sind, endlich umsetzten können. Dadurch sichern wir die Zukunft des Vereins und seiner 18 Regionalclubs.

Warum hat das so lange gedauert, der Skandal liegt mehr als zwei Jahre zurück?
MARKL: Das Reformprogramm zur Neuausrichtung haben wir gemeinsam in Angriff genommen und intensiv diskutiert – in der ADAC-Zentrale, in den Regionalclubs, im Haupt- und im Ehrenamt. Unsere neue Struktur sollte von Anfang an auf möglichst stabilem Grund gebaut sein. Das ist nicht ganz einfach in einem Haus mit 9200 Mitarbeitern. Für sie galt von Anfang an: Keiner wird durch die Reform seinen Arbeitsplatz verlieren.

Es gab erhebliche interne Widerstände gegen die Reform. Wie zerrissen ist ihr Club?
MARKL: Der ADAC ist überhaupt nicht zerrissen, weil wir ein gemeinsames Ziel haben: Den ADAC so rechtssicher aufzustellen, damit wir auch künftig ein Verein bleiben können. Deswegen bündeln wir alle kommerziellen Aktivitäten in einer Aktiengesellschaft und unsere gemeinnützigen Leistungen, wie etwa die Luftrettung, in einer neuen Stiftung.

Hubert Markl, 1948 in München geboren, ist seit 2014 Präsident des ADAC. Der Arzt war bereits von 2001 an Präsident des ADAC Südbayern und löste auf dem Höhepunkt der Krise 2014 den zurückgetretenen Peter Meyer ab. Foto: dpa
Hubert Markl, 1948 in München geboren, ist seit 2014 Präsident des ADAC. Der Arzt war bereits von 2001 an Präsident des ADAC...Foto: dpa

Herr Voit, auch in Berlin-Brandenburg gab es unterschiedliche Auffassungen über die Reform. Sind alle Vorbehalte jetzt verschwunden?
VOIT: Wir waren sehr intensiv in den Reformprozess eingebunden, allein bei mir persönlich waren das mehrere hundert Stunden ehrenamtlicher Tätigkeit. Das war ein sehr aufwändiger Prozess, der sich am Ende aber gelohnt hat.

Gegen den es auch in Berlin und Brandenburg Widerstand gab.
VOIT: Bei uns im Vorstand sitzen zwei Banker, ein Unternehmer, ein Unternehmensberater, ein Ingenieur und zwei Juristen. Dass wir dort Diskussionsbedarf hatten, ist doch klar. Doch jetzt, nach den Lübecker Beschlüssen, setzen wir das alle gemeinsam um.

Die Gegner der Reform argumentieren, die Vereinsmitglieder hätten keinen Zugriff mehr auf das ADAC-Vermögen.
VOIT: In der Sache: Anders als Aktionäre in Aktiengesellschaften haben Mitglieder in Vereinen Anspruch auf optimale Leistungen, nicht auf Vermögen. Das ist wichtig zu verstehen. Mit Blick auf den lebhaften Gutachterstreit der letzten Woche drängt sich der Verdacht auf, dass hier auch politische Motive eine Rolle gespielt haben.

Inwiefern?
VOIT: Wenn kurz vor Beginn einer Verwaltungsratssitzung plötzlich noch Gutachten platziert werden.

Das ist doch legitim.
VOIT: Wir müssen aber auch feststellen, dass sich die Zeiten geändert haben und uns der neuen Zeit, den neuen Anforderungen stellen. Dazu gehört, dass wir uns modern, transparent, zukunfts- und rechtssicher aufstellen.

Ist mit dem Säulenmodell der Vereinsstatus gerettet?
MARKL: Das hoffen wir, zumindest bestätigen das sämtliche vorliegenden Gutachten. Das Mitglied steht künftig noch mehr im Mittelpunkt unserer Aktivitäten. Die Form des Vereins ist uns auch deshalb so wichtig, weil die Mitglieder uns als neutraler Instanz mehr vertrauen als beispielsweise Versicherungen oder anderen Unternehmen.

Sie haben das Geld vergessen: Als Verein zahlt der ADAC deutlich weniger Steuern.
MARKL: Das ist nachgelagert. Wir haben starkes ehrenamtliches Engagement im ADAC und auch das wäre verloren, wenn wir kein Verein bleiben dürften. Wir gründen in den kommenden Wochen eine Aktiengesellschaft und eine gemeinnützige Stiftung, die mit 25,1 Prozent an der SE beteiligt wird. Die Stiftung erhält künftig für rund zehn Prozent der Aktien eine Ausschüttung.

Was macht die Stiftung?
MARKL: Im Mittelpunkt steht die Luftrettung mit ihren Hubschraubern. Darüber hinaus wird sie Sicherheitswesten-Aktionen für Schulanfänger durchführen, mildtägige Individualhilfe für Mitglieder leisten, die zum Beispiel an Unfallfolgen leiden, aber auch die Sicherheit im Motorsport oder Mobilitätsforschung gehören zum Stiftungszweck.

Manfred Voit, Jahrgang 1951, arbeitete mehr als 30 Jahre bei der Berliner Bank. Er wurde 2002 Schatzmeister des ADAC Berlin-Brandenburg und ist seit 2011 der regionale Vereinschef. Foto: Lukas Schulze/dpa
Manfred Voit, Jahrgang 1951, arbeitete mehr als 30 Jahre bei der Berliner Bank. Er wurde 2002 Schatzmeister des ADAC...Foto: Lukas Schulze/dpa

Was ist macht die Aktiengesellschaft?
MARKL: Die ADAC SE bündelt alle wirtschaftlichen Aktivitäten und wird von einem sechsköpfigen Aufsichtsrat kontrolliert, der nicht mehrheitlich aus Vereinsvertretern besteht. Nur zwei Mitglieder werden aus dem ADAC e.V. kommen, einer aus der Stiftung und drei werden von den Arbeitnehmern gestellt.

VOIT: Ich möchte noch darauf hinweisen, dass der ADAC e.V. mit 74,9 Prozent an der SE beteiligt sein wird. Von diesen 74,9 Prozent ist geplant, dass die 18 Regionalclubs 24,8 Prozent übernehmen können.

Zu welchem Preis?
VOIT: Wir ermitteln derzeit in einer Verhandlungsgruppe, welcher Preis für vinkulierte Namensaktien angemessen ist.

Was passiert künftig mit dem dreistelligen Millionengewinn, den die SE im Jahr erwirtschaftet?
VOIT: Das wird künftig in der Hauptversammlung entschieden. Ein Teil des Gewinns wird in Form einer Dividende entsprechend der Anzahl der Aktien auf die Anteilseigner verteilt. Gut 50 Prozent der Dividende wird der ADAC e.V. als Anteilseigner erhalten.

Jenseits der Strukturveränderungen sollte der ADAC ja auch einen Kulturwandel erfahren, um Pfründenwirtschaft und Selbstbedienung künftig auszuschließen. Wie weit sind Sie da gekommen?
MARKL: Wir durchlaufen derzeit einen umfassenden Kulturveränderungsprozess und haben heute einen deutlich besseren Umgang mit- und untereinander als früher. Hinzu kommt, dass wir klare Compliance-Regeln definiert haben, die für alle 18 Regionalclubs und die Zentrale gleichermaßen gelten und die von einer eigenständigen Compliance-Gesellschaft überwacht werden.

Kürzlich musste der Bundesschatzmeister des ADAC zurücktreten, weil er in Westfalen einem Schulfreund Millionenaufträge des ADAC zukommen ließ. Hört die Klüngelwirtschaft nie auf?
MARKL: Doch, davon gehe ich aus. Die Regeln sind für alle klar und das Risiko aufzufliegen ist deutlich größer geworden.

Sind Sie noch nie privat mit einem Rettungshubschrauber geflogen?
MARKL: Nein.

VOIT: Ich auch nicht.

Herr Markl, Sie ärgern sich über die Autohersteller, die schmutzige Diesel-Motoren auf den Markt bringen. Sind denn Ihre Mitglieder bereit, mehr Geld für einen sauberen Diesel zu bezahlen?
MARKL: Ich denke schon. Allerdings liegt der Ball erstmal bei den Herstellern. Die Technologien für saubere Diesel sind längst vorhanden, werden aus Kostengründen aber nicht eingesetzt. Sinnvoll wäre es eventuell, die Kosten zwischen Industrie und Verbraucher zu teilen. Davon würden alle profitieren.

Am saubersten sind Elektroautos, sofern der Strom aus erneuerbaren Quellen stammt. Was haben Sie gegen die Kaufprämien für E-Autos?
MARKL: Kaufprämien setzen aus unserer Sicht falsche Anreize, da sie vor allem diejenigen unterstützt, die sich sowieso ein E-Auto leisten könnten. Für den normalen Autofahrer ist ein Elektroauto auch mit Kaufprämie noch deutlich zu teuer. Zusätzliche Mittel sollten besser in einen Ausbau der Infrastruktur und die Weiterentwicklung der Batterietechnik gehen. Gerade die Batterien müssen billiger und die Reichweite der Autos höher werden.

Was fahren Sie?
MARKL: Privat einen Opel Meriva, dienstlich einen Audi mit gereinigtem Diesel.

VOIT: Ich fahre einen 16 Jahre alten BMW Z3.

Erleben wir im nächsten Jahrzehnt das Ende des Verbrennungsmotors?
MARKL: Das lässt sich heute nicht seriös sagen. Wenn es soweit sein sollte, fahre ich gerne auch ein Elektroauto.

VOIT: Ich würde den Verbrennungsmotor schon vermissen. Wenn es irgendwann soweit ist, wünsche ich mir auch aus Sicherheitsgründen, dass der Sound von E-Autos etwas lauter wird als er heute ist.

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