Wirtschaft : Reformen aus dem Lehrbuch

Syrien hat in den vergangenen Jahre systematisch seine Wirtschaft geöffnet / Bislang profitiert aber nur eine Minderheit

Andrea Nüsse

Kairo - Abdulsalam Haikal ist immer auf Trab. Der junge syrische Unternehmer wittert überall neue Chancen, seit sein Land behutsam die Wirtschaft liberalisiert. Und die will der rundliche 30-Jährige mit der randlosen Brille und dem feinen blauen Anzug nutzen: Morgens Interview mit dem syrischen Fernsehen zum Thema Arbeitslosigkeit. Nachmittags Empfang bei der Vereinigung syrischer Unternehmerinnen im historischen „Orienthaus“. Abends gibt Haikal eine Pressekonferenz zur Vorstellung eines Wettbewerbs, bei dem ein Jungunternehmer 150 000 Euro gewinnen kann, um sein eigenes Unternehmen aufzubauen. Dies macht Haikal in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Syrischen Vereinigung junger Unternehmer (SYEA).

Abdulsalam Haikal ist Chef des Software-Unternehmens Transtek sowie der Haikal-Mediengruppe, die ein englischsprachiges Magazin „Forward“ herausgibt und auf die Zulassung von zwei weiteren Zeitschriften für Frauen wartet. Der Absolvent der Amerikanischen Universität Beirut gehört zu den jungen Unternehmern in Syrien, denen die dosierte Öffnung der Wirtschaft nach Jahrzehnten sozialistischer Staatslenkung neue Chancen bietet. Haikal hat zwar nicht bei null angefangen, als 2004 die Wiedereinführung privater Banken und Versicherungsgesellschaften, die Liberalisierung des Devisenhandels und die Senkung der Importzölle einsetzten: Er kommt aus einer alteingesessenen Händlerfamilie aus Tartous im Norden Syriens, die seit den 30er Jahren im Schiffstransport tätig ist und zweimal verstaatlicht wurde. Doch die Haikal-Familie mit ihren 120 Angestellten gehört auch nicht zu dem engsten Zirkel um das Regime, das sich die neuen Großaufträge und Monopole untereinander aufteilt.

„Der wirtschaftliche Reformprozess wächst wie ein Schneeball“, findet Haikal, „er reißt alles mit, was ihm im Weg steht.“ Zunächst habe jede Privatbank nur eine Zweigstelle eröffnen dürfen – das sei schon nach vier Monaten nicht mehr haltbar gewesen, führt er als Beispiel an. Heute gebe es 40 bis 50 Zweigstellen der acht Privatbanken in Syrien. Auch der US-Boykott Syriens und dessen politische Isolation können den Optimisten nicht schrecken. „Der Boykott ist im Gegenteil eine große Chance“, lautet seine Devise. Da amerikanische Konzerne wie Microsoft oder Oracle wegen des US-Boykotts in Syrien keine Geschäfte betreiben dürfen, habe er sein Software- Unternehmen in Ruhe aufbauen können. Und sich zum Marktführer in Syrien entwickelt, der mit seinen lokalisierten Lösungen nun auch Jordanien und den Golf anpeilt. „Wir schaffen es aus eigener Kraft“, sagt Haikal stolz. Verdeckt von den politischen Spannungen mit dem Westen, hat Syrien in den vergangenen Jahren systematisch die Öffnung seiner Wirtschaft betrieben. Zwar beschränkt sich der Aufschwung noch auf Immobilien, Handel und Finanzen. Aber europäische Diplomaten in Damaskus bestätigen, dass die Regierung ihr Reformprogramm „wie aus dem Lehrbuch abarbeitet“. Die Medien sprechen von einer „finanziellen Revolution“, die aber auch ihre Schattenseiten hat. Die Inflation betrug 2006 offiziell 9,2 Prozent, wird aber deutlich höher geschätzt. Vor allem die Mietpreise steigen enorm. Die Subventionen für Energie werden abgebaut, im November stiegen die Benzinpreise um 20 Prozent. Die Einführung der Mehrwertsteuer wurde deshalb auf 2009 verschoben.

War der Abzug der syrischen Armee aus Libanon eine politische Niederlage, so wird er doch als Wohltat für die syrische Wirtschaft angesehen. Angesichts der politischen Spannungen zogen viele Syrer ihr Geld aus libanesischen Banken ab und legten es in den neuen Banken in der Heimat an. Auch zum Shoppen und Baden zog es weniger reiche Syrer in das Nachbarland – gleichzeitig öffneten luxuriöse Einkaufszentren und neue Touristenkomplexe, um die Nachfrage zu befriedigen. Der einheimische Tourismus soll 2007 eine Milliarde US-Dollar zum Bruttosozialprodukt beigetragen haben.

Doch die Masse der Syrer, darunter die 1,4 Millionen staatlichen Angestellten, hat bisher nicht an der Entwicklung teil. Dies ist die wirkliche Gefahr für das Regime von Präsident Baschar al Assad – nicht die wenigen unterdrückten Demokratieaktivisten. Ab 2008 sollen deshalb neue Mikrofinanzbanken mit der Kreditvergabe an Privatleute beginnen, die staatlichen Gehälter sollen nach Abbau der Energiesubventionen steigen.

Doch so lange wächst in Syrien ein bisher unbekannter Sozialneid. Bisher war es in Syrien verpönt und schwierig, Reichtum offen zur Schau zu stellen. Selbst wohlhabende Familien wohnten in bescheidenen Wohnungen in Mehrfamilienhäusern – beim Einkaufen in Beirut waren sie unbeobachtet. Doch nun sprießen nördlich von Damaskus Immobilienprojekte aus dem Boden mit Luxusvillen und Country Clubs. Selbst der Dubaier Immobilienentwickler Emaar hat dort sein erstes Projekt. Die vor einem Jahr eröffnete Shopping Mall „Cham Center“ zieht am Wochenende bis zu 8000 Besucher täglich an. Auf den fünf eleganten Etagen ist das mittlere Markensegment mit Benetton, Vera Moda und Herrenmode von Peter Berg und Ricada vertreten. Viele kommen aber nur zum Schauen – und nehmen einen Imbiss. Der Chauffeur Aimad, der bei einem großen Hotel angestellt ist und mit Prämien umgerechnet 220 Euro verdient, geht mit den Kindern nicht einmal zum Schauen hin: „Dann wollen meine Kids alles kaufen, und dafür reicht mein Gehalt nicht.“

Am meisten profitiert nach Ansicht des Herausgebers des Fachdienstes „Syria Report“, Dschihad Jasigi, eine kleine Gruppe von etwa 25 Geschäftsimperien, die keine Außenseiter zuließen. „Die Regierung ist zu schwach, um Korruption zu bekämpfen und offenen Wettbewerb gewähren.“ So wird der Aufbau einer digitalen Internet-Infrastruktur verzögert, weil die „Tycoone“ untereinander um den Auftrag kämpfen – eine offene Ausschreibung gibt es nicht.

Auch Abdulsalam Haikal sieht die Probleme. Für einen jungen Unternehmer ist es fast unmöglich, einen Kredit zu bekommen. „Die Vereinigung junger syrischer Unternehmer will mit der Preisstiftung auch ausloten, ob sie zukünftig Garantien an Banken geben kann für Unternehmensgründer.“ Und manchmal ist gar Frustration herauszuhören. „Wieso muss das Kabinett der Zulassung einer neuen Frauenzeitschrift zustimmen?“, fragt er sich. Aber dann locken wieder die neuen Möglichkeiten: Auch Haikal erwägt, in eines der Villenviertel am Stadtrand zu ziehen.

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