Wirtschaft : Reformen ins Stocken geraten

LONDON (AFP).Der Strudel der Finanzkrisen in Rußland und Asien hat 1998 den wirtschaftlichen Reformprozeß in Zentral- und Osteuropa sowie in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion schwer beeinträchtigt.Die marktwirtschaftlichen Reformen in den Ländern des früheren Ostblocks seien deutlich ins Stocken geraten.Sie seien so langsam und ziellos wie seit zehn Jahren nicht mehr, heißt es in dem am Freitag veröffentlichten Jahresbericht der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London.

Am schwierigsten sei die Lage in Rußland, das zusammen mit der Ukraine und Rumänien vor "schwierigen Herausforderungen" bei der wirtschaftlichen Stabilisierung stehe.Die Wirtschaftsleistung der gesamten Region dürfte im laufenden Jahr nach Einschätzung der Osteuropa-Bank im Durchschnitt um ein Prozent sinken und im kommenden Jahr bereits um zwei Prozent.Das Wirtschaftswachstum werde insbesondere in Rußland um fünf Prozent und im kommenden Jahr um sieben Prozent zurückgehen.Dies wirke sich auf die gesamte Region des ehemaligen Ostblocks aus.Rußlands größtes Versäumnis sei gewesen, die Privatisierungen nicht mit tiefgreifenden institutionellen Reformen zu verbinden, heißt es in dem Bericht.

Außerdem leide das Land unter einflußreichen Interessengruppen, denen an der Aufrechterhaltung von Ungleichgewichten gelegen sei.Damit würden jedoch hohe Hindernisse für weitere Fortschritte geschaffen.Im Gegensatz dazu erwiesen sich Länder, die tiefgreifende Reformen vollzogen, dem Bericht zufolge als widerstandsfähiger gegenüber der weltweiten Finanzkrise.So hätten etwa Ungarn und Polen dank ihrer Reformen auch unter dem Globalisierungsdruck eine beeindruckende Stabilität und Wachstum bewahren können.

"Auf der Grundlage von unausgewogenen Reformen können Volkswirtschaften in der Übergangsphase nicht ihr volles Potential entwickeln", bilanziert der Chefökonom der Osteuropabank, Nick Stern."Die starken Gegensätze in der Region zeigen, daß für Stabilität und Wachstum Märkte mit Wettbewerb, finanzielle Disziplin, effizient verwaltetes Privateigentum und ein Rechtsstaat nötig sind."

Entsprechend uneinheitlich gestalten sich die Wirtschaftsbilanzen der Osteuropabank.Während die Wirtschaft in Rußland dieses und nächstes Jahr eben deutlich schrumpfen werde, könnten die anderen osteuropäischen Länder und namentlich die Baltenstaaten dagegen mit einem dreiprozentigen Wachstum in diesem Jahr und mit 3,5 Prozent Wachstum im kommenden Jahr rechnen.Besonders gelobt wurden Ungarn und Polen für ihre Finanz- und Unternehmensreformen.

Auch Bosnien-Herzegowina, Armenien, Aserbaidschan und Tadschikistan konnten nach Angaben der Osteuropa-Bank ihre durch Kriege bedingten Rückstände bei der Liberalisierung und Privatisierung aufholen.Weißrußland, Turkmenien und Usbekistan hingegen hätten sich wenig reformfreudig gezeigt, während die Reformen in Rußland starken politischen Schwankungen ausgesetzt seien.Dadurch seien in diesen Ländern hart erkämpfte Gewinne der Anfangszeit in Gefahr.

Die Osteuropabank, die hauptsächlich Projekte in Mittel- und Osteuropa finanziert, wurde 1991 von den westlichen Industrienationen ins Leben gerufen, um den Übergang der ehemals kommunistischen Staaten zur Marktwirtschaft zu unterstützen.Die Bank ist einer der größten Geldgeber Rußlands.Wegen der dortigen Wirtschafts- und Finanzkrise drohen ihr Verluste in Höhe von umgerechnet rund 295 Mill.DM.

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