Reformen : Raffelhüschen befürchtet Pflegekollaps mit Ansage

Der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen hält Reformen in der Pflegeversicherung für dringend notwendig. Die von der Politik diskutierten Verbesserungsideen reichen seiner Ansicht nach nicht aus.

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2,3 Millionen Menschen sind derzeit pflegebedürftig, bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl der Pflegefälle auf 4,4 Millionen nahezu verdoppeln. Die Pflegeversicherung kann das finanziell nicht verkraften, warnt der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen. Ohne Reformen würde der Beitrag zur Pflegeversicherung von derzeit 1,95 Prozent (Kinderlose 2,2 Prozent) bis zum Jahr 2060 auf fünf Prozent steigen, sagte Raffelhüschen am Montag in Berlin. Berücksichtige man den steigenden Kostendruck und die wachsende Zahl der Menschen, die in Pflegeheimen leben, seien sogar acht Prozent realistisch.

In einer neuen Studie, die Raffelhüschen für das von der Deutschen Bank finanzierte Deutsche Institut für Altersvorsorge (Dia) erstellt hat, geht der Freiburger Professor jedoch hart mit den Reformvorschlägen ins Gericht, die derzeit von der Politik diskutiert werden. „Alle Modelle sind entweder nicht nachhaltig oder politisch nicht mehrheitsfähig.“

So brächte die Bürgerversicherung, in die auch Beamte, Selbstständige und gut verdienende Angestellte einbezogen werden sollen, kaum Entlastungen. Auch hier würde der Beitragssatz auf 4,7 Prozent steigen, hat das von Raffelhüschen geleitete Forschungszentrum Generationenverträge ausgerechnet. Auch das sogenannte Einfriermodell, bei dem die Pflegekosten auf dem heutigen Niveau fixiert werden sollen, lehnt der Wissenschaftler wegen der damit verbundenen Leistungskürzungen ab. Zwar käme man bei diesem Modell mit einem Beitragssatz von 2,5 Prozent über die Runden, das Leistungsniveau würde jedoch bis zum Jahr 2060 faktisch halbiert. Beim dritten Modell, der Ausgliederung leichter Pflegefälle, würden 55 Prozent der heutigen Leistungsbezieher keine Unterstützung mehr bekommen. Dennoch würden die Beiträge auf 3,9 Prozent steigen. Und auch der vierte Vorschlag, die Ausgliederung schwerer Fälle (Pflegestufe 3), hätte Nachteile: Zwölf Prozent der Menschen fielen aus der Versorgung heraus, dennoch würde der Beitragssatz auf 3,9 Prozent klettern.

Raffelhüschen schlägt stattdessen eine einjährige Karenzzeit vor. Während dieser Zeit sollen die Pflegebedürftigen ihre Pflegekosten allein tragen. Die Spanne erstreckt sich von 10 500 Euro (ambulante Pflege, Pflegestufe 1) bis zu 40 000 Euro (stationäre Pflege, Pflegestufe 3). Das Geld könne entweder aus dem Vermögen kommen, aus einer Hypothek, einem Sparvertrag oder einer privaten Zusatzversicherung. Um Rentnern hohe Beiträge zu ersparen, schlägt Raffelhüschen eine Versicherungspauschale vor. Diese würde zunächst bei rund 25 Euro im Monat liegen, könnte aber im Laufe der Zeit abgesenkt werden.

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