Regenerative Energien : Gewinner der Wende

Anleger schichten von Atomstrom auf Erneuerbare um – eine riskante Wette, denn als kurzfristige Anlage bergen sie ein hohes Risiko.

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Erneuerbare Energie. Es gibt zahlreiche Alternativen zu Atomkraftwerken - Windturbinen, Biogasanlagen, Erdwärmekraftwerke, Pumpspeicherwerke, Photovoltaikanlagen oder Gezeitenkraftwerke.
Erneuerbare Energie. Es gibt zahlreiche Alternativen zu Atomkraftwerken - Windturbinen, Biogasanlagen, Erdwärmekraftwerke,...Foto: dpa

Nirgendwo war besser abzulesen als an der Börse, welche Schlussfolgerungen die Menschen aus der Reaktor-Katastrophe in Japan ziehen: Die Aktien der Hersteller von Solarmodulen, von Windpark-Bauern und Betreibern grüner Kraftwerke explodierten weltweit. In Deutschland jagten die Kurse von Solarworld um 48 Prozent in die Höhe, Phoenix Solar und SMA Solar Technology stiegen um gut 20, Pennystock Conergy in der Spitze um 160 Prozent, der Windanlagenbauer Nordex um 46 Prozent. Weltweit betrachtet blieben die Kurszuwächse zwar bescheidener, doch auch hier standen Aktien aus dem Sektor Erneuerbare Energien auf den Kauflisten: Der US-Photovoltaik-Konzern First Solar und die chinesischen Solarfirmen Suntech Power und Yingli verzeichneten Kursgewinne von bis zu 20 Prozent binnen zwei Handelstagen.

Umgekehrt ließen die Anleger alles, was ansatzweise mit Kernkraft zu tun hat, fallen. Die französische Areva etwa – Sponsor des 1. FC Nürnberg, Lieferant der Kernbrennstäbe von Fukushima und zusammen mit Toshiba Weltmarkführer für Nukleartechnik – verlor mehr als ein Fünftel ihres Börsenwerts. Auch Uranaktien wie Cameco oder Uranium One brachen um bis zu 50 Prozent ein. Rasiert wurden auch die beiden deutschen Energiekonzerne Eon und RWE. Dass die Dax-Konzerne bis zu einem Viertel ihrer Energieleistung mittels Kernkraft produzieren, während die Bundesregierung aber sieben Kernkraftwerke vom Netz nahm, die Laufzeit-Verlängerung stoppte und damit vielleicht eine schnellere Energiewende einleitete, beunruhigte den Markt erheblich: Der Eon-Konzern, der gut ein Viertel der Energie mit Hilfe von Kernkraft und etwas mehr als ein Zehntel über erneuerbare Energieträger produziert, verlor in der Spitze zwölf Prozent. Ebenso stark brachen auch die Aktien von RWE ein, dem fünftgrößten Energieerzeuger Europas und hierzulande Nummer zwei. Dass RWE deutlich stärker auf Kohle und Gas setzt, dafür aber weniger auf Kernkraft (zwölf Prozent) und erneuerbare Energien (sechs Prozent), interessierte die Anleger dabei nicht.

LANGFRISTIG IM MINUS

Inzwischen ist klar, dass der Kaufrausch der Anleger in Deutschland kaum mehr war als ein kurzes Aufbäumen: Den Kurszuwächsen folgten rasch Gewinnmitnahmen. Auf Sicht der letzten drei Jahre etwa notiert die Aktie von Solarworld 62 Prozent im Minus. Auch im Fünfjahresvergleich gehören die Solar- und Windwerte im Tec-Dax zu den großen Verlierern. Mehr noch: Nach den kräftigen Kursgewinnen der vergangenen zwei Wochen haben Analysten die Papiere reihenweise abgestuft: Katharina Cholewa, Analystin der WestLB, etwa senkte den Daumen für Nordex von „reduce“ auf „sell“ und für Solarworld von „add“ auf „neutral“. Die Perspektiven hätten sich auch nach der Atomkatastrophe nicht so deutlich verbessert, wie viele Marktteilnehmer annähmen, sagt die Analystin. Es sei auch ungewiss, ob andere Regionen wie Asien oder die USA sich von der Atomkraft abwenden könnten. Gleichzeitig drückten hohe Lagerbestände und sinkende Preise auf die Margen. Solarmodule und Anlagen können in Asien in großen Stückzahlen und deutlich billiger hergestellt werden, bei hoher Qualität. Unternehmen wie Yingli – Sponsor von Bayern München und Großexporteur auf den deutschen Markt – oder Suntech Power gehören deswegen eher zu den Favoriten der Analysten. Die UniCredit stuft Solarworld dagegen sogar als Verkaufsposition mit einem Kursziel von acht Euro ein. Einen Rückfall von aktuell 7,80 auf fünf Euro befürchten die Analysten der NordLB für Nordex. Die Energiewende sei bisher „nicht mehr als ein Hoffungsschimmer“, die Kursgewinne nach der japanische Katastrophe seien übertrieben gewesen. Zudem werde der immer stärkere Energiebedarf der Erde nicht allein durch erneuerbare Energien gedeckt werden können, glaubt NordLB- Analyst Holger Fechner. Auch bei den meisten anderen Banken rangieren die deutschen Aktien aus dem Öko-Sektor bestenfalls auf „halten“.

DER ENERGIEBEDARF WÄCHST

Mehr als 500 Exajoule Primärenergie verbraucht die Menschheit derzeit pro Jahr. Das entspricht ungefähr 140 Billionen Kilowattstunden oder dem Brennwert von 16 500 000 000 000 Liter Benzin. Deutschland benötigt 14 Exajoule. Je zehn Prozent davon stammen aus Erneuerbaren Energien und aus Uran, den Rest bestreiten Öl, Kohle und Gas. Betrachtet man nur die Stromerzeugung, dann trägt Kernkraft ein knappes Viertel bei, erneuerbare Energien mittlerweile 17 Prozent. Weltweit liegt diese Zahl niedriger: 2010 hat die Atomkraft mit 443 Reaktoren rund 15 Prozent des Strombedrafs gedeckt.

Gleichzeitig jedoch prophezeien alle Fachleute eine gewaltige Zunahme des Weltenergiebedarfs: 2060, behaupten die Forscher von Shell, könnte die Menschheit bis zu 1500 Exajoule pro Jahr benötigen, also drei Mal mehr als heute. Der zunehmende Energiehunger könne dabei nur zu einem Teil durch höhere Energie- Effizienz reduziert werden, befürchtet die Shell-Studie. Fossilen Energieträgern sind umgekehrt wegen der CO2-Problematik und der Endlichkeit der Ressourcen Grenzen gesetzt. Die Bundesregierung etwa plant, den deutschen Strombedarf bis 2050 zu 80 Prozent aus regenerativen Energien zu decken. Ankit Jain, Energiexperte bei Standard & Poor’s Equity Research, ist deswegen sicher, dass alternative Energien langfristig zu den großen Gewinnern zählen.

Kurzfristig indes könnten nach dem Beinahe-GAU in Japan auch fossile Brennstoffe wieder in den Fokus rücken. Dennoch hat der Analyst die europäische Branche für Erneuerbare Energie gerade auf „übergewichten“ heraufgestuft. Der Druck auf Regierungen, alternative Energieformen stärker zu fördern, werde zunehmen, sagt Jain. Davon würden die meisten Unternehmen des Sektors profitieren. Auch die Unicredit kann sich nicht vorstellen, dass Japan in Sachen Energie ohne Wirkung bleiben wird. „Hinter der nuklearen Renaissance im Westen steht nun ein großes Fragezeichen“, sagt Unicredit-Energieanalyst James Stettler.

SONNENKRAFT IN JAPAN
Auch in Japan dürfte die Solarbranche einen Schub erhalten, sagt der Energieexperte. Das Land war bis 2004 der größte Solarmarkt der Welt, wurde dann jedoch im Zuge der langjährigen Wirtschaftskrise und der Streichung von Subventionen von Deutschland überholt. Dabei sei die Sonneneinstrahlung pro Quadratmeter in Japan deutlich höher, sagt Jain. Das Land verfügt aber selbst über eine potente Solarbranche. Mischkonzerne wie Kyocera, Sharp, Mitsubishi oder Panasonic-Sanyo haben große Solarabteilungen. Wegen der hohen Sonneneinstrahlung und der höheren Strompreise kann die Netzparität (gleiche Kosten von regenerativ und konventionell hergestelltem Strom) in Japan sogar schneller erreicht werden als anderswo, sagen Fachleute.

Das Solar- und Windkraft-Netz werde mit Sicherheit vor einem gewaltigen Ausbau stehen, glaubt etwa Jon Sigurdsen, Fondsmanager des DnB Nor Renewable Energy. Profitieren sollten davon jedoch eher chinesische und japanische Anbieter. Das Hightech-Land Japan arbeitet hier ohnehin an einem Comeback: Gemeinsam mit IBM will die japanische Solarfirma Solar Frontier eine neue Technologie von Dünnschicht-Solarmodulen entwickeln, die nicht mit Silizium, sondern auf der Basis von Kupfer, Zinn oder Zink arbeiten. Diese Elemente sind billiger, besser verfügbar und energetisch effizienter.

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