Wirtschaft : Regionalbörsen: Im Wettstreit um Privatanleger

Susanne Schmitt

"Den Ausdruck Regionalbörsen hören wir gar nicht mehr gerne." Wie Dirk Greiling von der Düsseldorfer Börse sehen es auch die Vertreter der anderen Börsenplätze nach Frankfurt in Deutschland. Sie sprechen lieber von Retailbörsen. Ob in Stuttgart, Berlin oder München - die kleineren Handelsplätze versuchen mit unterschiedlichen Konzepten vor allem Privatanleger zu gewinnen, um sich gegen die Übermacht aus Frankfurt zu stemmen - ohne großen Erfolg.

Vom Aktienboom haben die kleineren Börsen nicht profitiert. Zwar wuchs das Gesamthandelsvolumen in Deutschland zwischen 1990 und dem Boomjahr 2000 von rund 1800 auf mehr als 6000 Milliarden Euro. Doch der Umsatzanteil der regionalen Börsen schrumpfte von gut einem Drittel auf ein knappes Fünftel. Die Flaute der vergangenen Monate hat die Kleinen hart getroffen. So ist der Umsatz in Berlin beispielsweise zwischen Januar und April von 67 Milliarden Euro im Vorjahr auf 28 Milliarden Euro in diesem Jahr eingebrochen.

Welcher der regionalen Börsenplätze der bedeutendste ist, lässt sich schwer beurteilen. Berlin verweist hier auf die hohe Zahl abgeschlossener Geschäfte. Stuttgart gibt die Orderbuchstatistik bekannt, weil man daraus am besten die Nachfrage ablesen könne. Aus Düsseldorf erhält man Umsatzzahlen, aber einschließlich der auf Xetra gehandelten Aktien. Xetra heißt das elektronische Handelssystem der Frankfurter Börse. Düsseldorf rechne sich reich, tönt es aus Stuttgart und München. Jeder veröffentlicht nur die Zahlen, die ihm nützen. Nach inoffiziellen Berechnungen liegt Stuttgart im Parketthandel (ohne Xetra) mit gut zwölf Prozent Marktanteil vor München mit sieben Prozent und Düsseldorf mit fünf Prozent. Stuttgart hat sich zudem bei dem Handel mit Optionsscheinen an die Spitze gesetzt und Frankfurt sogar überholt.

Hintergrund der Zahlenklauberei: Nur wer den Anlegern glaubhaft vermitteln kann, dass an einem Platz ausreichende Liquidität vorhanden ist, zieht Käufer und Verkäufer an und kann günstige Kurse bieten. Die meisten Börsen bieten neben einer schnellen Ausführung der Aufträge deshalb umfassende Preisgarantien. Vom Preisbildungsprozess, den eine Börse eigentlich bieten sollte, ist wenig geblieben. Die Händler müssen zumindest den Kurs bieten, der auf Xetra gehandelt wird. Die Folge: Bei Dax-Werten oder Titeln vom Neuen Markt ist es eigentlich egal, wo sie handeln, sagt Karin Baur, Geldanlage-Redakteurin bei Finanztest. Vorteile ergeben sich bei ausländischen Papieren, denn man handelt zu den günstigeren inländischen Gebühren. So gibt es in Berlin 6000 amerikanische Aktien zu kaufen, in München erhält man asiatische Papiere. Baur rät, sich das Spezialangebot der einzelnen Börsen genau anzuschauen.

Da im klassischen Wertpapierhandel immer weniger zu holen ist, haben die Börsen ihr Angebot ausgeweitet und versuchen, Nischen zu besetzen. Ohne einen Partner gelingt ihnen das allerdings in der Regel nicht. Berlin legt seit dem 1. Februar das Orderbuch offen. Bei rund 10 000 Werten kann sich der Anleger einen Überblick über die augenblickliche Marktlage verschaffen und bei einem ihm günstig erscheinenden Kurs kaufen oder verkaufen. Ausgeführt werden die Order zu Discountpreisen. Die Makler verzichten auf die Hälfte ihrer Courtage.

Düsseldorf hat sich eine andere Nische gesucht und engagiert sich im außerbörslichen Handel - aber auch hier geht es nicht ohne Partner. Gemeinsam mit dem Wertpapierhandelshaus Lang & Schwarz wird die außerbörsliche Handelsplattform Tradelink unter Börsenkuratel gestellt und soll künftig als Gemeinschaftsunternehmen Quotrix firmieren. Damit steigt die Düsseldorfer Börse in das so genannte Market Making ein. Der Market Maker, bislang nur Lang & Schwarz, stellt jederzeit Preise in das System, die im Internet einsehbar sind. Der Kunde kann entscheiden, ob er zu diesem Kurs Finanzprodukte kaufen will oder nicht. Market-Maker-Systeme entwickelten sich immer mehr zu einer Alternative zum herkömmlichen ordergetriebenen Handel, glaubt man in Düsseldorf. Im Sommer soll das System an den Start gehen.

Weder in Stuttgart noch in München ist etwas in dieser Richtung geplant. In Stuttgart setzt man auf das starke Standbein Optionsscheinhandel und hat sich für den Ausbau des Segments ebenfalls einen Partner gesucht. Mit der Euwax Broker AG, dem Optionsscheinmakler in Stuttgart, bereitet die Börse den Aufbau einer Handelsplattform im Internet unter dem Namen Wow für Anfang des Jahres 2002 vor. Die Citibank als größter Emittent habe bereits ihr Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert, sagt Spengler. Die Handelszeiten sollen bis zum Jahresende auf 22 Uhr verlängert werden, um so den Börsenschluss an der Wall Street in New York abzudecken.

Die Münchner Börsenchefin Christine Bortenlänger verlässt sich hingegen auf Bewährtes. München mit seinem großen Angebot an asiatischen Aktien hat mit dem Asian Internet Index (AIX) einen eigenen Index eingeführt. Zudem gibt es in München für die Top 130 US-Aktien aus Dow Jones und Nasdaq Composite eine klare Preisgarantie, die laut Bortenlänger auch von institutionellen Anlegern genutzt wird.

Die unterschiedlichen Strategien der einzelnen Börsen werden in der Branche zwiespältig beurteilt. Zwar zeige sich darin der Wettbewerb der Handelsplätze. Auf lange Sicht hätten die Retailbörsen aber nur eine Chance gegen Frankfurt, wenn sie eine gemeinsame Handelsplattform bieten würden und Händler ihre Aufträge an andere Börsenplätze weiterreichen könnten. Doch davon will man weder in Berlin noch in Stuttgart, Düsseldorf oder München etwas hören.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben