Wirtschaft : Regionalbörsen vor dem Aus

Experten geben nur zwei bis drei Finanzplätzen neben Frankfurt eine Chance – wenn die Privatanleger mitspielen

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Berlin (hop). Nach der Schließung der Nasdaq Deutschland droht weiteren kleineren Börsenplätzen in Deutschland das Aus. Neben dem domierenden Finanzplatz Frankfurt (Main) sehen die meisten der sieben Regionalbörsen auf längere Sicht nur noch Platz für wenige weitere Handelsplätze. „Wir rechnen mit einem Konsolidierungsprozess“, sagte Dirk Elberskirch, Geschäftsführer der Börse Düsseldorf, dem Tagesspiegel am Mittwoch. „Neben Frankfurt werden vielleicht nur zwei bis drei Börsen übrig bleiben.“ Die Börse Stuttgart geht von höchstens zwei Handelsplätzen aus.

Mit einer Wiederbelebung der Börse Bremen, die für den Deutschlandableger der USComputerbörse Nasdaq nur den gesellschaftsrechtlichen Mantel lieferte, rechnet kaum jemand. Am Dienstag hatten die Gesellschafter – Nasdaq, die Börse Berlin-Bremen, die Commerzbank, Comdirect und die Dresdner Bank – die Schließung der Nasdaq Deutschland nach nur wenigen Monaten beschlossen. „Bremen ist de facto mit der Nasdaq Deutschland aus dem Parketthandel ausgeschieden“, sagte Elberskirch. „Bremen ist aus der Börsenlandschaft verschwunden.“

Warten auf die Kleinaktionäre

Der Grund für die Schließung der Nasdaq Deutschland waren vor allem die vergleichsweise niedrigen Umsätze auf der Plattform. In Gesellschafterkreisen hieß es, dass sie weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben waren. Hinter vorgehaltener Hand ist bei einigen anderen Regionalbörsen Mitleid zu hören. „Wir bedauern die Berliner. Die sind von den Amerikanern ziemlich veräppelt worden“, hieß es. Der „extrem kurze Atem“ der Nasdaq sei schon erstaunlich gewesen. Solch ein Projekt müsse man mindestens zwei Jahre laufen lassen, mit Anfangsproblemen sei zu rechnen gewesen. „Der Zeitpunkt war einfach schlecht gewählt. Vor drei Jahren hätte das Ganze sicher ein Erfolg sein können“, sagt ein Börsianer.

Trost für die Börse Berlin-Bremen kommt auch aus Hannover. Denn die Börsen Hannover und Hamburg, die unter dem Dach einer gemeinsamen Betreibergesellschaft vereint sind, können sich eine Kooperation vorstellen. „Um eine Fusion wird es dabei nicht gehen, aber die Zusammenarbeit in Teilbereichen ist denkbar“, sagte Börsensprecher Hans Heinrich Peters. Gespräche gebe es jedoch noch nicht. Das brauche nach dem Rückschlag mit der Nasdaq Deutschland Zeit.

Doch die Zeit drängt. Denn am gleichen Problem wie die Nasdaq Deutschland, nämlich der großen Zurückhaltung der Privatanleger an den Börsen, könnte auch eine Reihe der übrigen Regionalbörsen scheitern. Denn dies ist das wichtigste Segment, in dem sie noch Vorteile bieten können. Die Deutsche Börse AG konzentriert sich nach Einschätzung ihrer regionalen Konkurrenten vor allem auf institutionelle Anleger. Die handeln in großen Blöcken, deshalb ist auch der Anteil der Deuschen Börse am Umsatz mit Wertpapieren in Deutschland erdrückend (siehe Grafik). Bei Aktien liegt er sogar bei rund 99 Prozent.

Dem setzen die Regionalbörsen Nischenangebote und eigene Handelssysteme entgegen. Und sie hoffen auf die Privatanleger, weil sie nicht über die Umsätze Geld verdienen, sondern über jede Order – egal ob 100 oder 100 000 Stück gehandelt werden. So will die Börse München mit dem System Max-One besonders Kleinkunden für sich gewinnen, die mit dem Computerhandelssystem Xetra (siehe Lexikon) unzufrieden sind. Dort kommt es nämlich häufig dazu, dass Orders in einzelnen Teilen ausgeführt werden – mit entsprechend höheren Gebühren. Das werde bei Max-One vermieden, sagte Christine Bortenlänger, Geschäftsführerin der Börse München, dem Tagesspiegel. Und die Börse ist zufrieden mit den Erfolgen des neuen Handelssystems. Es wurde vor gut einem Vierteljahr eingeführt. Und seitdem steigen die Umsätze jeden Monat. Im Juli lagen sie bei 175 Millionen Euro. Vor Max-One betrug das Volumen 50 Millionen Euro. „Wir haben unser System gezielt auf Schwächen bei Xetra abgestellt. Andere Regionalbörsen wollten wir dadurch nicht attackieren“, sagte Bortenlänger. In einigen Jahren will sie mit Hilfe des Systems zehn Prozent des deutschen Aktienhandels nach München geholt haben. „Dieser Anteil ist wichtig für unsere Zukunft.“

Während München gerade mit seinem Angriff beginnt, hat die Börse Stuttgart es bereits geschafft, Frankfurt deutlich Marktanteile abzujagen. Sie sieht sich bereits als zweitgrößten deutschen Handelsplatz. 90 Prozent des börslichen Handels mit Optionsscheinen laufen über Stuttgart. Und auch bei Renten und Auslandsaktien verzeichne der Handelsplatz einen immer stärkeren Zulauf, sagte der Börsensprecher Thomas Spengler. Trotz der Erfolge: Sicher kann sich Stuttgart nicht fühlen. Denn die Börse Frankfurt startet mit einem eigenen Marktsegment bei Optionsscheinen jetzt den Gegenangriff.

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