Wirtschaft : Reife Leistung

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28 Jahre lang hatte Werner Dittmann in einem Berliner Malerbetrieb gearbeitet, bis der Betrieb im vorigen Jahr Konkurs anmelden musste. Mit 59 Jahren wurde Dittmann arbeitslos – doch schon vier Wochen später bekam er wieder einen Job, und das sogar ohne Vermittlung der Arbeitsagentur. Denn Malermeister Christian Schiller, Bezirksmeister der Maler- und Lackiererinnung für Spandau und Charlottenburg, wusste, dass die Pleitefirma gute Mitarbeiter hatte. Und Dittmanns Alter war kein Problem: „Er sieht nicht aus wie 59, ist körperlich vital und fit“, lobt der neue Chef.

Vor allem aber schätzt Schiller, der in seinem kleinen Betrieb drei Gesellen und zwei Lehrlinge beschäftigt, den „Erfahrungsschatz“ des Mitarbeiters: „So ein alter Hase kann etwas vermitteln.“ Junge Gesellen seien oft erst einmal „froh, wenn sie mit sich selbst klarkommen“. Werner Dittmann ist offiziell zwar kein Ausbilder, da er die nötige Prüfung der Handwerkskammer nicht absolviert hat, doch er gibt seine Kenntnisse gern bei der alltäglichen Arbeit weiter. Ende März feiert er seinen 60. Geburtstag und denkt vorerst nicht an die Rente.

„Früher konnte man im Handwerk ältere Mitarbeiter nach ihrem Ausscheiden aus dem Betrieb ohne Probleme durch qualifizierten Nachwuchs ersetzen“, sagt der Berliner Handwerkskammerpräsident Stephan Schwarz. „Diese Zeiten sind vorbei – und der Fachkräftemangel wird sich in Zukunft noch verstärken.“ Er beschäftige in seiner GRG Services Group, die auf Gebäudereinigung und -management spezialisiert ist, „etliche nicht mehr ganz junge“ Mitarbeiter und sei mit ihnen sehr zufrieden. Durch Lebenserfahrung, Fachwissen und Seriosität hätten sie „oftmals einen schnelleren Zugang zu den Kunden“.

Ältere Arbeitnehmer würden „immer wichtiger“, bestätigt die Chefin der Arbeitsagentur in Berlin-Brandenburg, Margit Haupt-Koopmann. Um den künftigen Fachkräftebedarf zu decken und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern, müsse die Quote älterer Arbeitnehmer „in den nächsten Jahren deutlich erhöht werden“. Relativ hoch sei der Anteil bereits in der öffentlichen Verwaltung sowie in den Bereichen Erziehung, Unterricht und Soziales. Positiv sei auch der Trend in Wachstumsbranchen wie Unternehmensdienstleistungen und der Gesundheitswirtschaft. Die älteren Beschäftigten müssten sich aber auf „mehr Mobilität“ einstellen und manchmal nicht nur den Betrieb, sondern auch den Wirtschaftszweig wechseln.

So gut wie alle Berliner Großunternehmen reagierten bereits mit innerbetrieblichen Maßnahmen auf den Strukturwandel, sagt Uwe Schirp, Abteilungsleiter für soziale Sicherung bei der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB). Auch in kleineren Firmen geschehe viel, meist aber nicht in Form von Projekten, sondern „im persönlichen Gespräch“. Um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit zu erreichen, müssten die betriebliche Gesundheitsvorsorge oder Weiterbildungsmaßnahmen bereits in jungen Jahren beginnen: „Je früher, desto besser.“ Wichtig sei auch die Motivation der Beschäftigten. Schirp fordert die Bundesregierung auf, die „staatlichen Anreize für einen vorzeitigen Ruhestand zurückzufahren“. Altersteilzeit sei in vielen Branchen nicht mehr sinnvoll.

Die Warenhauskette Kaufhof stellt sich in mehrerer Hinsicht auf das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung ein. In den Kaufhäusern berücksichtigt man die Bedürfnisse älterer Kunden durch gut lesbare Etiketten, Geländer an allen Treppen, Sitzgelegenheiten in den Abteilungen oder die farbliche Hervorhebung der „Kämme“ an Rolltreppenstufen. Der Kaufhof am Alexanderplatz erhält dafür am morgigen Donnerstag das neue „Qualitätszeichen für generationenfreundliches Einkaufen“ des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE).

Doch es geht nicht nur um die Kundschaft. Betriebsintern fungiert Andrea Ferger-Heiter als Demografiebeauftragte. „Ein Drittel unseres Personals ist 50 Jahre und älter“, sagt sie, „wir sehen das positiv und schätzen es sehr.“ Die Altersteilzeit sei bei Kaufhof bereits abgeschafft. Es gebe Programme zur Wiedereingliederung von Beschäftigten nach Krankheiten und ein „ganzheitliches Gesundsheitsmanagement“ mit Angeboten wie Yoga und Pilates. Das Rauchverbot in den Häusern sei per Betriebsvereinbarung geregelt. In den Kantinen werde nicht der Klassiker „Currywurst mit Pommes“, sondern gesundes Essen serviert. Man habe auch einmal „Schrittzähler“ verteilt, auf denen Mitarbeiter ablesen können, ob sie sich genug bewegen.

Bei der Weiterbildung „gab es Streit darum, ob wir Schulungen speziell für Ältere machen“, sagt Ferger-Heiter. Dies werde zurzeit zwar getestet, grundsätzlich aber „haben wir gute Erfahrungen mit gemischten Gruppen gemacht“. Auch im Verkauf werden Teams aus jungen und älteren Kollegen gebildet. Die Kunden allerdings bevorzugten oft Verkäufer, die ungefähr ihr Alter haben. So wende sich ein Rentner, der ein einfach bedienbares Handy suche, lieber an „gereifte“ Berater.

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