Wirtschaft : Reimund Helms

Geb. 1954

Thomas Loy

Bei der Debatte ums Spülen hat er sich bewährt. Großer Häuptling nannten sie ihn. Anfangen muss, wer von Reimund Helms sprechen will, mit Balu, dem Bären aus dem Dschungelbuch. Balu ist Tänzer, Sänger und Anarchist. Den Normen und Regeln des Dschungels setzt er seine radikal-genießerische Laissez-faire-Haltung entgegen. Parole: Versuch’s mal mit Gemütlichkeit...

Reimund war wie Balu, aber auch ein wenig wie Obelix, der Gallier, ein bisschen wie Lukas, der Lokomotivführer, und wie Pippi Langstrumpf. Als er ein wenig Geld übrig hatte, kaufte er sich in seinem niedersächsischen Heimatdorf Sülze einen kleinen Acker, pflanzte Bäume aus Deutschland, Südafrika und Nicaragua drauf, stellte dazwischen sein Zelt auf und beobachtete die Vögel. Die Bauern von Sülze fanden das sehr witzig.

Rund zwei Jahrzehnte vorher war Reimund mit Hilfe seiner Tante aus Sülze geflohen. Die Tante arbeitete im Kreiswehrersatzamt und wusste, wann die Einladungen zur Musterung rausgingen. Reimund erreichte das Schreiben nicht mehr. Er hatte sich in die bundeswehrlose Bärenstadt Berlin begeben.

Dort traf er auf Menschen, die in einer Fabriketage eine Wohngemeinschaft einrichten wollten. Die Idee überzeugte Reimund. Er schleppte einen Sack Kartoffeln an, sagte: „Ich zieh jetzt hier ein“, und niemand wagte zu widersprechen. Dabei gab es noch gar keinen Plenumsbeschluss über Reimunds WG-Aufnahme. Damals zeigte sich zum ersten Mal die suggestive Präsenz des Sülzers, seine natürliche Autorität, die nie autoritär daherkam.

Bei einer Plenumsdebatte über das auch in linken Kreisen umstrittene Geschirrspülen fand Kommunarde Helms in einer kritischen Phase die erlösenden Worte. Beim Geschirrspülen könne man wunderbar über Politik nachdenken. Spülen als geistige Stimulanz. Das war genial! Zwar wurde Reimund nicht öfter am Ausguss gesichtet als die anderen, aber die Geschirrfrage war entschärft. Reimund galt fortan als Schlichter. Man nannte ihn auch den großen Häuptling.

Die WG in der Urbanstraße war geräumig und günstig: 350 Quadratmeter für 300 Mark, verteilt auf neun Leute. Der Fabriketage fehlte es allerdings an innerer Struktur. Das Kollektiv beschloss, drei Arbeitszimmer und ein Großschlafzimmer einzurichten. Das Kollektiv studierte Marx, reparierte Autos und fuhr nach Schweden, um der Entfremdung vom Naturzustand entgegenzuwirken. Es wurden Beeren gesammelt und Tiere gejagt. Schusswaffen waren natürlich verboten, also nahmen Reimund und seine Jagdkumpanen ein Beil und warfen es in Richtung Ente. Das Tier entkam, das Beil versank, die Männer fischten stundenlang im seichten Wasser danach. Das alles war nicht wirklich ernst gemeint, schuf aber ein Gefühl für die Würde der Kreatur.

Reimund fing ein BWL-Studium an und trat dem Kommunistischen Bund bei. Er verteilte die Zeitung „Arbeiterkampf“ in den Kreuzberger Kneipen und versuchte nächtelang, dem Kiezproletariat zu einem marxistischen Bewusstsein zu verhelfen. Reimund gefiel das Agitieren bald besser als die Lehre der rechten Betriebsführung. Er schmiss das Studium und sattelte auf Drucker um. Ein richtiger Arbeiter wollte er sein. Wenn die Revolution kommt, ist es günstig, schon auf der richtigen Seite zu stehen.

So wie es war, konnte es nicht bleiben. Reimund musste früh aufstehen. Er hatte eine feste Freundin. Er wurde erwachsen, verließ die WG. So wie sie war, konnte auch die Linke nicht bleiben. Sie gründete die Alternative Liste, zog ins Kreuzberger Bezirksparlament ein, dann ins Landesparlament. Reimund zog mit.

Der Abgeordnete Helms fiel bald dadurch auf, dass er kein Manuskript mitnahm, wenn er ans Rednerpult ging. Was er sagte, war schwer berechenbar. Er brauchte sich vor niemandem zu fürchten, denn er wollte nichts werden in der Politik. Einmal beantragte er, Kreuzberg zur atomwaffenfreie Zone zu erklären. Dann zwang er Innensenator Lummer, über die Beißattacken von Polizeihund Rex Rechenschaft zu geben. Reimund war ein Unbequemer, aber einer, der das Unbequeme nett verpackte, damit es nicht so auffiel.

Als er sich zunehmend aufs Land zurückzog, nach Sülze oder auf seine Datsche in Himmelpfort, waren seine Kreuzberger Freunde besorgt. Was will ein Mensch, der im Soziotop der Kneipe politisiert wurde, der immer gleich zwei Bier bestellte (eins gegen den Durst, das zweite, damit der Nachschub nicht abreißt), ein Wortmechaniker, der Thesen sorgfältig auseinandernahm und wieder neu zusammensetzte, was will so einer in der sprachlosen Natur?

Es war nur ein Versuch. Die Politiksucht, verbunden mit Genusssucht und wachsender Leibesfülle, sollte fernab der Gremiensitzungen und Klüngelrunden kuriert werden. Doch die Droge Politik ist überall im Angebot. Himmelpfort muss schließlich auch regiert werden. Es dauerte nicht lange, und Reimund saß im Gemeinderat.

Über eine Sache mochte er nicht reden. Seine Krankheit. Was soll man über einen Tumor diskutieren, der sowieso macht, was er will? Wenn sie ihn wegschnitten, war er bald wieder da. Wenn Kinder ihn besuchten, zeigte Reimund gerne die langen Nähte auf seinem großen Bauch. Lange konnte das nicht gut gehen. Von Himmelpfort ins Himmelreich ist es zum Glück nicht weit. Und Himmelreich muss schließlich auch regiert werden.

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