Wirtschaft : Reinhard Hesse

Geb. 1956

Norbert Thomma

Er schrieb über den Osterhasen – und für den Bundeskanzler Reden. Er hatte noch drei Wochen zu leben, als ihn ein Freund in der Klinik besuchte. Der war stark erkältet und näherte sich dem Krankenbett nur zögerlich. „Ich steck dich nicht an, ich hab nur Krebs“, sagte Reinhard Hesse. Im Fernsehen lief eine Dokumentation über den Nahen Osten, die wollte er zu Ende sehen. Danach brummte er: „Ist doch furchtbar, wie die schon wieder in die Saison starten.“ Hannover 96 war sein Verein. Er bat um ein bisschen Bier. Schlucken konnte er es nicht mehr, aber den Geschmack spüren.

Die Lust aufs Politische, aufs scheinbar Banale, aufs Bacchantische, dieser saftige Humor – und welche Erinnerung bleibt noch?

Vergangenen Samstag trafen sich fünf seiner alten Freunde in Charlottenburg zum Frühstück. Es gab Trauben, Käse, trockene Feigen, Kaffee und jede Menge Geschichten der Sorte Weißt-du-noch. Da machte jede Episode einen Strich, und ganz langsam wurde ein Bild daraus.

Einer erzählte, wie Gerhard Schröder den ungarischen Ministerpräsidenten traf und der als Erstes fragte: „Wie geht’s meinem Freund Hesse?“ Unglaublich, wen Reinhard alles kannte. In wie vielen Welten er sich herumtrieb – und die Freunde daran teilhaben ließ.

Einer sagte, kennt ihr das Foto aus den frühen achtziger Jahren, es hängt in Reinhards Wohnung? Er ist da mit Arafat zu sehen, mitten im Kugelhagel im Libanon hat er ihn gefunden und interviewt. Wie jung die beiden auf dem Bild aussehen.

Einer erzählte von einem Essen während der Fußball-WM 1998, Reinhard hatte eingeladen. Die Holländer kickten, wer war noch mal der Gegner? Egal, Reinhard legte später Platten auf, The Who, Mozart, Led Zeppelin, orientalischer Pop. Und Männer in seriösen Berufen spielten Luftgitarre bis zum Morgengrauen.

Als Reinhard vor fünf Jahren heiratete, sagte einer, haben sie in Beirut ein Fest gefeiert, seine Frau stammt da her. Die Verwandtschaft ließ den Bräutigam hochleben, und der bedankte sich mit der perfekten Parodie einer Revolutionsrede von Abd el-Nasser, vorgetragen im Dialekt des Ägypters.

Einer der fünf erinnerte sich an die Hannoveraner Zeit, Reinhard war Asta-Vorsitzender, späte siebziger Jahre, Rudi Dutschke kam, um zu erklären, warum die Grünen-Partei gegründet werden müsste. So viel Anbiederung an den Parlamentarismus, das ging nicht. Klar, die Versammlung musste gestört werden. Reinhard sollte als Startzeichen einen Hut hochwerfen, ein anderer die Rocky-Horror- Picture-Show laut drehen, die Massen würden Wunderkerzen schwenken. Nichts klappte so richtig, aber der Tumult war groß und Dutschke beleidigt.

Es ist nur logisch, dass Reinhard Hesse gleich anfangs bei der „taz“ landete. Palästinensertuch, Lederjacke, lange Haare, radikale Reden. Er schrieb aus Bonn und aus Arabien. Nahe liegend auch das, denn er war als Kind in Kairo zur Schule gegangen und hatte die Sprache gelernt. Das war eines seiner vielen Talente: Sprachen. Er flog nach Kalifornien und interviewte den Krimiautor James Ellroy, er traf einen Geschäftsmann aus Mali und redete französisch mit ihm, jahrelang hörte man auf seinem Anrufbeantworter die Faxnummer deutsch und arabisch, was snobistisch wirkte und notwendig war.

Gut zwei Jahre her ist ein Interview, das Hesse der „Zeit“ gab, befragt als „offizieller Redenschreiber von Gerhard Schröder“. Welchen Satz er sich in seiner Trauerrede wünsche, lautete die letzte Frage. „Er hat uns immer wieder überrascht“, war die Antwort. Das ist ihm schon bei der „taz“ gelungen. Er wechselte zu „Lui“ nach München. Anfang der Achtziger, als taz-Mitarbeiter noch bis zur Erschöpfung diskutierten, ob der Abdruck eines Rubensbildes statthaft sei, weil so viel Nacktheit die Frauen erniedrige. „Lui“ war Konkurrent des „Playboy“, das Magazin lebte von üppigen Brüsten.

Er wurde danach einer der Wichtigen bei „TransAtlantik“, bald Chefredakteur. Hans Magnus Enzensberger hatte die Zeitschrift gegründet, die Intellektuellen verehrten sie. Er ging zur neu gegründeten „Woche“ nach Hamburg, ein Grenzgänger zwischen allen Ressorts. Fest angestellt war er fast nie, diese frühe Ich-AG. Eine Lohnsteuerkarte sah er an wie ein Vampir den Knoblauchzopf.

Ich weiß noch, sagte einer der Freunde, wie wir später beim Magazin der „Süddeutschen“ schafften. Fürs Osterheft musste ein Text über Hasen her, auf dem Titel gab es Eier von Andy Warhol. Ein Autor lieferte jeden Tag neuen, undruckbaren Hasenschrott. Panik brach aus, und dann blieb Reinhard abends im Büro, mit reichlich Augustiner Edelstoff und einigen Päckchen „Winston“ versorgt. Am nächsten Morgen lag ein Text da, er begann so: „Wenn es auf der Welt halbwegs gerecht zuginge, dann hätte der Hase einen Anwalt.“

Eine Nacht durchschreiben, das war er. Geregelte Schalterstunden kannte er nicht. Wenn andere nach einem langen Doppelkopfabend ins Bett fielen, setzte er sich hin und schrieb. Arbeiten, rauchen, trinken – alles machte er mit brachialer Konsequenz. Es gibt Konstitutionen, die sich mehr zumuten können, als ihnen gut tut. Es gibt diese Energien, die unerschöpflich scheinen. Und natürlich sagt man, wenn einer mit 48 stirbt: Er ist zu früh gestorben. Das stimmt auch für Reinhard, sagte einer der Freunde, doch zu wenig gelebt hat er nicht.

Gesprächsfetzen am Kaffeetisch: Treu war er. – Ein großzügiger Gastgeber, ein lustvoller Koch, grandioser Unterhalter. – Wann hat er nur all diese Bücher gelesen, diese Filme angeschaut? – Er hatte immer Zeit für einen, dafür musste ein anderer lange warten, er hatte ein afrikanisches Verhältnis zur Uhr. – Uneitel ist er gewesen in seinen verbeulten Hosen.

Recht spät ist Reinhard Hesse seinem Glück begegnet. Einer Schönen und Klugen mit einer magenerwärmenden Stimme. Er hat geheiratet, war nun auch familiär ein Teil der arabischen Sphäre, war geliebt, bewundert, zog mit der Frau nach Berlin, zum seit der Wahl 1998 einzigen Abnehmer seiner Texte: dem Bundeskanzler, den er seit dessen Juso-Zeiten gut kannte. Für Schröder schrieb er Bücher, Reden, Artikel, Regierungserklärungen – und nach dem 11.9. rasch ein eigenes Buch über das Verhältnis des Westens zur islamischen Welt. Da komprimierte er sein Wissen von Jahrzehnten.

Er hat nicht über den nahen Tod geredet, auch das war eines seiner Talente: verdrängen. Nur ganz am Ende hat er einen Wunsch geäußert, seine Asche betreffend. Sie soll verteilt werden auf Berlin, den Libanon und das Mittelmeer vor Alexandria.

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