Wirtschaft : Reinhard Mohn: Ein kühl rechnender Philosoph

Henrik Mortsiefer

Auf dem kleinen See hinter der Hauptverwaltung der Bertelsmann AG ziehen ein paar Schwäne ihre Bahn. Wenig deutet darauf, dass in den Flachbauten in der Gütersloher Carl Bertelsmann Straße 270 das Herz des größten Medienkonzerns Europas schlägt. Gepflegtes Understatement, das Bertelsmann nicht einer Laune der Architekten verdankt, sondern dem prägenden Einfluss eines Mannes: Reinhard Mohn. Der Gründer, langjährige Chef und Patriarch des Bertelsmann-Konzerns, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, hat seine ehernen Grundsätze als Unternehmer in der westfälischen Provinz in Stein mauern lassen. "Lautet die Zielsetzung Reichtum, Ansehen oder Genuss?", fragte Mohn in seinem im vergangenen Jahr vorgelegte Bericht an den Club of Rome. "Oder sucht man Befriedigung, die in dem Bewusstsein liegt, ein sinnerfülltes Leben geführt und dabei auch anderen Menschen geholfen zu haben?" Seine "Strategie für Fortschritt und Führungsfähigkeit", die den programmatischen Titel "Menschlichkeit gewinnt" trägt, formuliert das Selbstverständnis eines untypischen, deutschen Medien-Tycoons.

Partnerschaft und Führung - auf diesen Säulen baute Mohn, der nach dem Abitur 1939 zum Wehrdienst eingezogen wurde und als Leutnant des Afrika-Korps 1943 in amerikanische Gefangeschaft geriet, nach dem Zweiten Weltkrieg Bertelsmann auf. Innerhalb von gut 50 Jahren wurde so aus einem mittelständischen Familienbetrieb ein global aufgestelltes Medien-Konglomerat mit 81 000 Mitarbeitern, das einen Umsatz von mehr als 32 Milliarden Mark erwirtschaftet.

Buchclubs, Verlage, Zeitungen, Zeitschriften und das Fernsehen - Mohn, der auf Wunsch seines Vaters in das familieneigene Druck- und Verlagshaus eingestiegen war, fütterte die Mediengesellschaft und profitierte von ihrem grenzenlosen Hunger nach "Content" - Inhalten. Dabei präsentierte sich Mohn, der eigentlich Ingenieur werden wollte, stets als verantwortungsbewusster Konzernlenker: Oberstes Ziel eines Unternehmens müsse es sein, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, bekräftigte er unlängst in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit".

Reformwerkstatt Bertelsmann-Stiftung

Ausdruck dieser Philosophie war ein in der deutschen Wirtschaftsgeschichte beispielloser Vorgang: Mohn verschenkte 1993 den größten Teil seiner milliardenschweren Bertelsmann-Anteile an die Bertelsmann-Stiftung. Der Think-Tank des Medienkonzerns wurde so zum Mehrheitseigentümer des Gütersloher Unternehmens und gleichzeitig zur größten Unternehmensstiftung Deutschlands. Die als Reformwerkstatt für Staat und Gesellschaft gedachte Stiftung ist mit einem Etat von rund 125 Millionen Mark und über 270 Mitarbeitern ausgestattet. Im Juli 1999 ordnete Mohn auch das Stimmrecht der Aktionäre neu: Er übertrug das ihm zu 90 Prozent zustehende Stimmrecht auf die neu gegründete Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft, in deren Vorstand Ehefrau Elisabeth ("Liz") maßgeblichen Einfluss nimmt. Hinter Mohns großzügiger Geste steckte freilich mehr als Edelmut.

Der gebürtige Westfale, der sich 1981 aus dem operativen Geschäft bei Bertelsmann zurückzog, ist ein kühl rechnender Philosoph geblieben. Schon in den 50er Jahren beteiligte er seine Mitarbeiter am Erfolg des Unternehmens und prägte damit eine Bertelsmann-Kultur, die Disziplin und Motivation in den Mittelpunkt rückte. "Menschen sind ihm wichtiger als Kapital", bescheinigte der SPD-Vordenker Peter Glotz Mohn.

Dass der Grandseigneur auch Härte zeigen kann, bewies Mohn, als er im vergangenen Jahr Mark Wössner aus dem Konzern hinaus komplimentierte. Die Chemie zwischen beiden habe nicht mehr gestimmt, sagte ein bitterer Wössner, seit 32 Jahren in Bertelsmann-Diensten, 16 davon als Vorstandschef. Die Sitten in Gütersloh schienen ein wenig rauer geworden zu sein, Shareholder-Value und weltweite Fusionen ließen Mohns Überzeugungen an Grenzen stoßen - auch im eigenen Haus. So hatte der Unternehmer stets ausgeschlossen, dass anonyme Investoren einmal das Sagen bei Bertelsmann haben würden. Es kam deshalb einer Revolution gleich, als sich der Patriarch Anfang des Jahres auf Drängen seines Vorstandschefs Thomas Middelhoff dazu entschloss, 25,1 Prozent von Bertelsmann an die Group Bruxelles Lambert abzugeben. Im Gegenzug erhielt Bertelsmann von Lambert 30 Prozent an der RTL-Group. Vereinbart wurde auch, zumindest einen Teil von Bertelsmann an die Börse zu bringen. Ein Tabu - Mohns letztes Tabu - war gebrochen.

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