Reinhard Mohn : Gütersloh feiert seinen Patriarchen

800 Trauergäste aus Wirtschaft und Politik nehmen Abschied von Reinhard Mohn.

David C. Lerch[Gütersloh]
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Die Witwe Liz Mohn, zwischen Sohn und Tochter.-Foto: Bertelsmann/dpa

GüterslohNebelverhangen und bei Dauerregen empfing Gütersloh am Freitag seine Gäste zur Verabschiedung des bekanntesten Bürgers der Stadt. „Wenn man im Ausland von seiner Herkunft spricht“, erzählt ein Passant, „fallen sofort die Worte Bertelsmann und Mohn“.

Diese Verbindung ist das Lebenswerk von Reinhard Mohn, der nach dem Krieg einen mittelständischen Verlag übernahm und am Ende seines Lebens einen globalen Medienkonzern mit mehr als 100 000 Mitarbeitern hinterlässt. Am 3. Oktober war der gebürtige Gütersloher im Alter von 88 Jahren gestorben. In der vergangenen Woche wurde er auf dem städtischen Friedhof beigesetzt.

Am Freitag hatten Konzern und Familie zu einer Abschiedsfeier in die Gütersloher Stadthalle geladen und rund 800 Gäste kamen, um Bertelsmanns Patriarchen die letzte Ehre zu erweisen. Neben zahlreichen Größen der Medienbranche, von Friede Springer bis Hubert Burda, reisten auch die Konzernchefs Jürgen Hambrecht (BASF) und Wulf Bernotat (Eon) an. Die Bundesregierung wurde von Bundeswirtschaftsminister Karl- Theodor zu Guttenberg (CSU) vertreten.

Mehrere Geburtstage hatte Mohn in der Stadthalle gefeiert, das benachbarte Theater wird gerade dank einer Millionenspende von Bertelsmann saniert. Die Redner, darunter Konzernchef Hartmut Ostrowski würdigten Mohn als Mensch und Unternehmer, der sein Handeln stets auf moralische Werte gestützt habe; als das, was man einen „ehrbaren Kaufmann“ nennt. Der alte Mohn wusste sehr genau um die aktuell schwierige Lage – Bertelsmann machte im ersten Halbjahr ein Minus von 300 Millionen Euro – auch wenn er sich bereits seit Jahren aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hatte. Ostrowski berichtete am Freitag von einem ihrer letzten Treffen. Im Sommer sprach Ostrowski vor Managern von den Chancen in der Krise. Später gestand ihm Mohn unter vier Augen: „Darauf hätten wir lieber verzichtet.“

Mit der Krise muss nun seine Witwe Liz Mohn zurechtkommen, die er an der Spitze des Imperiums hinterlässt. Nach Mohns Willen hat die 68-Jährige nun das Sagen in der Eigentümerfamilie, in der mächtigen Verwaltungsgesellschaft und in der Bertelsmann-Stiftung – zumindest für sieben Jahre bis zu ihrem 75. Geburtstag. Danach sollen die gemeinsamen Kinder Brigitte (45) und Christoph (44) den Konzern in sechster Generation übernehmen. Der Fortbestand der Dynastie scheint also gesichert, doch die Zweifel bleiben. Für Christoph Mohn bietet die Lücke, die der Vater hinterlässt, eine zweite Chance. Als Chef des Internetkonzerns Lycos Europe ist er einmal gescheitert. Am Freitag hatte er wie seine Schwester den ersten Auftritt vor einer großen Öffentlichkeit. Neben einem großen Porträtfoto des Vaters stehend, sprachen beide in sehr persönlichen Worten zur Trauergemeinde. Während Christoph sich an einen Vater erinnerte, der stets an das Unternehmen dachte und oft nicht zu Hause war, erzählte Brigitte Mohn von glücklichen Kindheitstagen mit dem Vater – im Baumhaus und am Lagerfeuer.

Eindeutig war jedoch die Botschaft, die die Familie als Ganzes offenbar aussenden wollte. „Wir werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass die Eigenständigkeit und Kontinuität von Bertelsmann erhalten bleibt“, erklärte Christoph Mohn. Nicht nur in diesen Worten war am Freitag die Zäsur zu spüren, die der Tod von Reinhard Mohn für den Konzern und die kleine Stadt in Westfalen bedeutet. Davon wussten auch einige Passanten zu berichten, die vor der Stadthalle im Regen ausharrten. Dass es nicht mehr waren, lag neben dem Wetter wohl auch daran, dass der zu Bertelsmann gehörende Sender N-tv die Trauerfeier übertrug und dass bereits zahlreiche ehemalige Arbeitnehmer mit Kränzen den Friedhof aufgesucht hatten, wie Brigitte Mohn berichtete.

„Die Mitarbeiter haben ihn nicht nur bewundert, sie haben ihn aufrichtig gemocht“, versicherte Gunter Thielen, Vorsitzender der Bertelsmann-Stiftung und langjähriger Weggefährte in seiner Trauerrede. Oft genug pries Mohn den Wert des einzelnen Arbeitnehmers für das ganze Unternehmen und suchte den Kontakt zur Belegschaft. Bis vor wenigen Wochen nahm er sein Mittagessen in der Bertelsmann-Kantine ein, stets um 13 Uhr und stets am gleichen Tisch.

Was nach ihm kommt, scheint ungewiss. „Bei Bertelsmann haben sie Angst, dass nach dem Tod von Mohn ihre Jobs in Gefahr sind“, berichtet ein Teilnehmer der Trauerfeier. Der Einfluss des Patriarchen auf die Manager sei bis zuletzt sehr groß gewesen. „Viele befürchten, dass Liz nicht so stark ist.“

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