Wirtschaft : Reinhold Voht

Geb. 1943

Anne Jelena Schulte

„Der muss die Fische totgequatscht haben“, vermuten seine Freunde. Es war ein heißer Sommer. Reinhold Voht bestellte im Café acht Kugeln Eis. „Acht Kugeln? Die schmelzen doch, bevor sie aufgegessen sind“, gab die Kellnerin zu bedenken. „Dann bringen Sie mir eben zwei Mal vier Kugeln.“ Reinhold Voth war Genießer und Pragmatiker zugleich.

Er wurde als jüngster von vier Söhnen in jenem Jahr geboren, in dem Joseph Goebbels den totalen Krieg ausrief. Der Vater starb früh, der Stiefvater war Kriegsversehrter, freundlich und liebevoll, doch auch er starb, bevor Reinhold erwachsen war. Am Hafen seiner Heimatstadt Lübeck sah er den Schiffen nach und wusste, dass auch er eigentlich wo ganz anders hinwollte. Heraus aus den armen, kleinen Verhältnissen.

So wie seine Brüder folgte er noch der Familientradition und erlernte einen Handwerksberuf, er wurde Maurer. Als einziger der Brüder schaffte er aber den Absprung: Mit 18 zog er nach Berlin. Hier arbeitete Reinhold Voht einige Jahre im Kirchenbau, bis er den Priester bei einem sehr unpriesterlichen Vergnügen mit der Haushälterin entdeckte. Er war ein großzügiger Mensch, also pfiff er die anderen Gesellen herbei, um den Anblick mit ihnen zu teilen. Dafür erhielt er seine Kündigung – die ihm wahrscheinlich gar nicht ungelegen kam.

Er machte eine Ausbildung zum Sozialarbeiter, fand 1971 eine Anstellung beim Bezirksamt Steglitz und kam so zur Arbeiterwohlfahrt. Hier übernahm der Mann der Tat schnell verantwortungsvolle Posten. Das Land baute seinen Sozialstaat aus, und Voht packte kräftig mit an: Vom fahrbaren Mittagstisch über Beratungs- und Unterbringungsangebote für Asylanten, Obdachlose, Alte und Arme bis hin zu Hilfstransporten ins Ausland – wo immer er helfen konnte, da tat er es, von Berufs wegen.

Am liebsten lief er im hochgekrempelten Hemd umher, den 1,90 Meter langen Körper leicht vornübergebeugt, Schweiß im Gesicht und zwischen den Fingern eine Zigarette, irgendwas Filterloses aus giftgrüner Schachtel.

Das Wichtigste für seine Arbeit waren die Kontakte, und Reinhold Voht war ein äußerst kontaktfreudiger Mann. Keine Betriebsfeier ließ er aus, vergnügt moderierte er zwischen Polizeiorchester und Tombola.

Als seine Frau den Wunsch äußerte, ihn öfter zu Gesicht zu bekommen, integrierte der Pragmatiker die Familie in seine Arbeit. Die Frau wurde Mitglied bei der Arbeiterwohlfahrt, die drei Söhne bauten Feldbetten und Tribünen auf, verteilten Handzettel.

Montags stand er vor allen anderen im Büro und überfiel die eintreffenden Mitarbeiter mit seinen Ideen vom Wochenende. Es quälte ihn der Gedanke, einer seiner Einfälle könnte verloren gehen. Als ihm ein müder Mitarbeiter vorschlug, er möge sich doch so ein Handdiktiergerät besorgen, war er begeistert. Das Diktiergerät hatte er von nun an immer dabei.

Er wurde Sozialamtsrat und Landesvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt. Es gibt Fotos von ihm zwischen Wowereit und Müntefering. Seine gefärbten Locken, sein geblümter Schlips auf gestreiftem Hemd setzen sich schrill ab vom dezenten Tuch der Politiker.

Manch einem handelte er zu schnell, redete er zu viel, war er zu unruhig und zu laut. Dabei war Reinhold Voht Angler. „Der muss die Fische totgequatscht haben“, vermuten die Freunde.

Der Tod kündigte sich mit einem Paukenschlag an. Voht saß mit seiner Frau im Flugzeug nach Mallorca, als er einen Schwächeanfall hatte. Sein Hintermann riss die Sauerstoffmaske herunter, der Pilot machte eine Notlandung in Stuttgart. Die Diagnose: Lungenkrebs. Und Reinhold Voht stellte sich zur Wiederwahl als Landesvorsitzender – und gewann.

Der Kampf gegen die Krankheit war nicht zu gewinnen, er währte über drei Jahre. Die Enkeltochter besuchte ihn oft in seinen letzten Tagen und spielte mit ihm „Mensch, ärgere dich nicht“. Sie liebte ihren Opa, der viel mit ihr gemeinsam hatte: Die Liebe für Eis, Lakritze, Modelleisenbahnen und für Käpt’n Blaubär. Den, so behauptete er fest, habe er persönlich gekannt.

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