Reisebranche : Sturmtief statt Sonnenschein

Die deutsche Reisebranche ist trotz des Wirtschaftsabschwungs optimistisch für 2009. Denn die Deutschen verzichten laut einer Studie lieber auf Anschaffungen als auf Urlaubsreisen. Analysten rechnen jedoch trotzdem mit Einbrüchen.

Gerd W. Seidemann
Venedig
Fällt der Urlaub ins Wasser? Veranstalter fürchten, die Deutschen könnten sich ihre Reiselust verderben lassen - wie diese...Foto: AFP

BerlinDie Krise ist da – jedoch vornehmlich bei den anderen. Während die Autoindustrie leidet, üben sich die Chefs der großen deutschen Reiseveranstalter derzeit in Gelassenheit. „Die Folgen der Finanzkrise werden sich für die Branche in Grenzen halten“, sagt Peter Fankhauser, Vorsitzender des Vorstands der Thomas Cook AG. Und Gisela Sökeland, Geschäftsführerin der Marke Thomas Cook Reisen, meint, wenn das Geschäftsjahr 2009 so erfolgreich verlaufe wie das Vorjahr, „sind wir hervorragend unterwegs“.

Von Amts wegen verbreitet auch Klaus Laepple, Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), unverdrossen Optimismus und gab kürzlich bei der Jahrestagung in Budapest eine Prognose für 2009 ab: Unter dem Strich werde die Branche bei den Pauschalreiseveranstaltern wie im Vorjahr voraussichtlich um etwa drei Prozent beim Umsatz zulegen. Etwas reservierter klingt Volker Böttcher, Vorsitzender der Geschäftsführung der Tui Deutschland GmbH: „Wir sind keine Hellseher“, sagt er. Böttcher schöpft jedoch Zuversicht aus einer Studie des Europäischen Tourismusinstitutes (ETI) in Trier, derzufolge jeder fünfte Deutsche lieber auf diverse Anschaffungen verzichtet als auf seinen Sommerurlaub. Die Studie wurde allerdings im September dieses Jahres veröffentlicht und bezieht sich auf den Sommerurlaub 2008. Da die Befragung also vor der Zuspitzung der Finanzkrise im September stattfand, stellt sich die Frage, ob sie überhaupt als Indiz für die Urlaubsstimmung der Deutschen 2009 herhalten kann.

Die Privatbank Sal. Oppenheim rechnet zumindest in den kommenden Monaten mit einem deutlichen Abschwung in der Tourismusbranche, weil auch Touristikmanager von einer negativen Entwicklung ausgehen, wie Bank-Chefvolkswirt Norbert Braems erklärt. Die Branche könne sich dem allgemeinen Abschwung durch die internationale Wirtschaftskrise nicht entziehen. „Es wird einen deutlicheren Abschwung geben als in den vergangenen Jahren“, prophezeit Braems. Unabhängige Analysten gehen für 2009 durchschnittlich von einem Marktrückgang von zwei bis drei Prozent aus.

Zahlreiche Reiseveranstalter haben offenbar schon vorgesorgt und sich mit Preiserhöhungen von zwei bis sechs Prozent gegen mögliche Erlöseinbußen gewappnet. Außerdem haben sie zurückhaltend geplant, indem sie bei Fluggesellschaften und Hotels weniger Plätze verbindlich zusagten.

Auch möchte man fast den Eindruck gewinnen, die Veranstalter kalkulierten bereits damit, dass der Massenmarkt wegbricht, weil die wichtige Zielgruppe der 600-Euro-Reise im Alltag besonders hart von Preissteigerungen auf breiter Front, Einbußen beim Gehalt oder gar Jobverlust betroffen sein dürfte. Höher- bis sehr hochpreisige Reisen haben dagegen in nahezu allen Veranstalterkatalogen Konjunktur und werden auch im kommenden Jahr weiter zahlreich angeboten werden. Doch daran, dass die Klientel, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von 3500 Euro und weitaus mehr verfügt, das Wegbrechen der Durchschnittsreisenden wettmachen kann, können wohl selbst die Urlaubsmacher nicht wirklich glauben. Gerd W. Seidemann

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