Wirtschaft : Reisen & Shoppen: Schnäppchenjagd in der Fabrikhalle

Heike Jahberg

Sie können sich etwas Schöneres vorstellen, als in fensterlosen Fabrikhallen in Hosenbergen oder Kekspaketen zu wühlen? Sie haben keine Lust, auf nackten Betonfußböden die Hosen herunterzulassen? Auch dann nicht, wenn Sie für Ihre Mühe redlich entlohnt werden? Vielleicht können wir Sie doch zu einem kleinen Abstecher überreden: Wie wäre es, wenn Sie Ihren Kurzurlaub zu Pfingsten mit einem Shopping-Abstecher in der Anzug-, Spielzeug- oder Porzellanfabrik verbinden?

Wer direkt vom Hersteller kauft, hat die Fahrkarte oder die Tankfüllung wieder raus. Mindestens. Wie hoch die Schnäppchen ausfallen, ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Von Preisersparnissen bis zu 70 Prozent, schwärmen preisbewusste Smart-Shopper bei Deutschlands bekanntestem Fabrikverkauf, dem Markenschneider Boss. Allerdings gibt es dafür auch nur zweite Wahl. Anzüge, Hemden oder Hosen der allersten Güteklasse verkauft Boss bestenfalls mit einem Rabatt von 25 Prozent. Zwischen 60 bis 80 Prozent unter den normalen Handelspreisen bietet die Designerin Jil Sander im norddeutschen Ellerau ihre Vorjahreskollektion sowie Pullover, Schuhe oder Taschen aus der zweiten Wahl an. Voll auf ihre Kosten kommen Schnäppchenjäger auch bei Bahlsen. Mit etwas Glück kann man in der schmucklosen Berliner Hinterhof-Halle neun Tortenböden für 1,25 Euro abstauben. Eindecken darf man sich in Hülle und Fülle. Nur eines ist verboten: die billige Ware weiter zu verkaufen.

Strenge Regeln für den Verkauf

Die Hersteller wollen es sich nicht mit dem Einzelhandel verderben. Daher gelten für den Fabrikverkauf strenge Regeln: Verkauft wird nur an Privatleute und niemals Stücke aus der aktuellen Kollektion. Auf den endlosen Kleiderstangen in den Bekleidungsfirmen hängen Modelle, die ein wenig aus der Mode gekommen sind, oder aufgrund ihrer ungewöhnlichen Farben oder Größen nur über den Preis Liebhaber finden. Meist aber sind es Angebote aus der zweiten Wahl - Produkte mit leichten Fehlern, die über den Fabrikverkaufsladen verramscht werden.

"Manchmal kann man aber lange suchen, bis man einen Fehler findet", gibt Manfred Dimper vom Bundesverband der Verbraucherzentralen zu bedenken. Die vermeintlich zweite Wahl entpuppt sich oft als erste Qualität - getarnt, um die "normalen" Händler nicht zu verärgern. Schnäppchenjägern rät Dimper zur Ruhe: Bei "2.-Wahl-Ware" sollten die Kunden das Personal fragen, wo der Fehler steckt. Das ist auch für mögliche Reklamationen wichtig. Wenn der Verkäufer von "kleinen Webfehlern" spricht, darf der Anzug nämlich kein Loch haben, sagt Dimper. Sonst kann man reklamieren. Überhaupt: Trotz der Billigpreise hat der Kunde dieselben Gewährleistungsrechte wie beim Einkauf im Kaufhaus vor Ort. Nur Kulanzumtäusche sind ausgeschlossen.

Vorsicht Kaufrausch

Die größte Gefahr geht von den Kunden selber aus. Umzingelt von vermeintlichen Schnäppchen und Super-Sonderangeboten sind labile Einkaufscharaktere gefährdet: Sie rutschen leicht in eine Kaufeuphorie, die weder Maß noch Ziel kennt. Doch selbst die billigsten Angebote sind teuer, wenn man Dinge kauft, die man weder braucht noch mag. Mancher Smart-Shopper muss zu Hause die nüchterne Erkenntnis verdauen, dass er das neue Designer-Tischservice eigentlich doch scheußlich findet oder die braune Seidenkrawatte nicht zur Garderobe passt. Erste goldene Regel für Fabrikkäufer: immer überlegen, ob man die Ware wirklich will. Auch wenn es schwer fällt.

Die größte Schmach eines Schnäppchenjägers ist jedoch, wenn man beim Fabrikverkauf nichts spart. Wer etwa den weiten Weg in den Berliner Süden zur Schokoladenfabrik von Stollwerck hinter sich gebracht hat, ist zu Recht enttäuscht. Mit Ausnahme von Bruchware, die in Cellophanebeuteln verpackt ist, warten auf den Käufer Sarotti-Pralinen und Schokolade, die kaum billiger sind als im Supermarkt. "Man muss die Augen aufhalten", warnt auch Verbraucherschützer Dimper. Denn nicht selten seien die Sonderangebote in der Innenstadt billiger als die Schnäppchen aus der Fabrik. "Im Schlussverkauf gibt es viele Angebote günstiger", sagt auch Olaf Roik vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE).

Die zweite goldene Regel für Fabrikkäufer lautet daher: die Einkaufstour planen. Wenn man sich auf den Weg macht, sollte man auch andere Firmen besuchen, die in der Nähe angesiedelt sind. So setzen Sie sich nicht unter den Druck, allein schon deshalb einkaufen zu müssen, um die Anreise zu rechtfertigen. Einige der bekanntesten Fabrikverkaufsstellen finden Sie in unserer Karte, vollständige Listen sind in den einschlägigen Ratgeberbüchern abgedruckt.

Für den Käufer bequemer als jede einzelne Fabrikhalle einzeln anzusteuern, sind die so genannten Factory-Outlet-Center (FOC) - Einkaufszentren, unter deren Dach verschiedene Hersteller ihre Waren anbieten. Von der Euphorie der Projektentwickler, die einst von einem flächendeckenden FOC-Netz in Deutschland träumten, ist wenig geblieben. Gerade einmal zwei große Center gibt es derzeit in der Bundesrepublik: das "B 5"-Center im brandenburgischen Wustermark und das Factory-Outlet-Center auf dem ehemaligen US-Militärflughafen im pfälzischen Zweibrücken. "Das eine oder andere FOC wird sicherlich noch dazu kommen", meint Standortexperte Roik. Doch geeignete Standorte für Outlet-Center sind beschränkt. So müssen die Center aus Kostengründen auf der grünen Wiese gebaut werden - möglichst im Einzugsgebiet mehrerer Großstädte. Außerdem dürfen die FOC den Textil- oder Porzellanhändlern in den Städten nicht das Geschäft versauen.

Doch genau das ist der springende Punkt. Aus Sorge um ihre innerstädtische Infrastruktur versuchen die Städte, Planern und Betreibern von Outlet-Centern möglichst viele Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Beliebtes Einfallstor sind dabei bauplanungsrechtliche Vorschriften. Auch gegen das Center in Wustermark wird noch immer prozessiert. Zwei Jahre nach der Eröffnung ist nach wie vor eine Klage des Berliner Bezirks Spandau gegen das "B 5"-Center anhängig. Unterstützt wird der Bezirk dabei vom Berliner Stadtentwicklungssenator Peter Strieder. Der Grund: Es sei das Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten und Einkaufen, das eine Stadt wie Berlin auszeichne, sagt Strieders Sprecherin Petra Reetz. FOC seien dabei wie eine Perlenkette, die sich um Berlin legen. "Drei Perlen tun uns nicht weh, aber irgendwann kriegen wir keine Luft mehr".

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