Wirtschaft : Reizvoll unaufgeräumter Szenekiez

Friedrichshain ist eine der begehrtesten Wohnlagen der Stadt. Eigentumswohnungen sind sehr gefragt

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Kreuzberger Nächte können sehr lang sein, Sonnenaufgänge in Friedrichshain besonders schön. Foto: dpa
Kreuzberger Nächte können sehr lang sein, Sonnenaufgänge in Friedrichshain besonders schön. Foto: dpaFoto: dpa

Noch sind die Bilder nicht vergessen von den Auseinandersetzungen um das autonome Hausprojekt in der Liebigstraße 14 in Friedrichshain. Vor wenigen Wochen erst räumte die Polizei das Gebäude in einer stundenlangen Aktion – gegen den heftigen Widerstand von denjenigen, für die die „Liebig 14“ den Kampf gegen den profitorientierten Umgang mit Wohnraum symbolisiert.

Doch zum Leidwesen der Kämpfer für günstige Wohnungen denken viele gut verdienende Berliner und Zugezogene gar nicht daran, Friedrichshain den Rücken zuzuwenden. Friedrichshain, stellt der Wohnmarktreport des Wohnungsunternehmens GSW und der Beratungsgesellschaft CB Richard Ellis fest, gehöre zu den „Szenebezirken, für die sich mehr und mehr jüngeres und auch nicht mehr so junges akademisches Publikum interessiert“.

Nach Ansicht von Maklern und Bauträgern ist Friedrichshain einer der angesagtesten Berliner Stadtteile überhaupt. Entsprechend freuen sie sich über stark steigende Mieten. Laut dem GSW-Wohnmarktreport stieg der Mittelwert bei neu abgeschlossenen Mietverträgen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg (separate Zahlen für die einzelnen Ortsteile liegen nicht vor) im Jahr 2010 um nicht weniger als 7,2 Prozent auf durchschnittlich 7,22 Euro pro Quadratmeter und Monat. In der Spitze, stellten die Experten fest, verlangen Eigentümer sogar eine Miete von mehr als 10 Euro pro Quadratmeter. Vergleichsweise moderat war mit 2,5 Prozent die Preissteigerung bei zum Kauf angebotenen Eigentumswohnungen. Sie kosten in Friedrichshain-Kreuzberg im Durchschnitt 2194 Euro pro Quadratmeter.

Wie begehrt Wohnungen in Friedrichshain sind, stellt auch die Immobilienverwaltungsgesellschaft Allod fest, die ein großes Neubauvorhaben in der Richard-Sorge-Straße vermarktet. Für die insgesamt 240 mittlerweile fertiggestellten Miet- und Eigentumswohnungen habe es eine sehr starke Nachfrage gegeben, berichtet Allod-Geschäftsführer Thomas Groth – trotz Kaufpreisen von durchschnittlich 2635 Euro pro Quadratmeter und Mieten von rund 9 Euro pro Quadratmeter. Wer dort heute eine Wohnung anmieten möchte, hat Pech: „100 Prozent vermietet“, vermeldet die Website des Unternehmens.

„Die Grussank-Höfe II sind zu 100 Prozent verkauft und vermietet“, heißt es auch aus dem Hause Profi Partner. Dabei betragen die Mieten bis zu 12 Euro pro Quadratmeter. Ende 2010 schloss das Berliner Unternehmen die Umwandlung eines ehemaliges Fabrikationsgebäudes in der Warschauer Straße 60 ab, das jetzt 25 Wohnungen und 21 Lofts umfasst.

Grundsätzlich gilt für Friedrichshain das Gleiche wie für ganz Berlin: Wenn gebaut wird, dann meist Eigentumswohnungen. Zudem sind große Projekte wie das in der Richard-Sorge-Straße die Ausnahme – im dicht bebauten Friedrichshain findet sich dafür in aller Regel kein Platz. Realisiert werden dafür zahlreiche Dachgeschossausbauten, Sanierungsvorhaben und Lückenschließungen.

Eines der interessantesten Neubauprojekte geht jetzt gerade in der Müggelstraße 14 seiner Vollendung entgegen. Der Bauträger Kondor Wessels errichtet dort den aus zwei Gebäuden bestehenden Müggelhof mit 25 Wohnungen – und die werden ausschließlich an Frauen verkauft. Initiator des Vorhabens ist der Verein Beginenwerk, der vor einigen Jahren bereits am Erkelenzdamm in Kreuzberg ein ähnliches Projekt zum Erfolg brachte. Die künftigen Bewohnerinnen sind zwischen 29 und 74 Jahre alt und stammen nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Süddeutschland, der Schweiz und Belgien.

Dass Friedrichshain ein gutes Pflaster für gemeinschaftliche Wohnformen ist, hat auch Hans-Christian Wilke gemerkt. Dem Geschäftsführer der Dr. Wilke Projektentwicklungs GmbH fiel auf, dass Kaufinteressenten für Wohnungen in seinem Projekt Finow 17 oft ihre Eltern zur Besichtigung mitbrachten. „Mehrere Käufer haben zwei, eine Familie hat sogar gleich drei Wohnungen erworben“, berichtet Wilke. Das energieeffizient sanierte Gründerzeitgebäude in der Finowstraße 17 wird somit, ohne dass das geplant gewesen wäre, zu einem Mehrgenerationenhaus, in dem die Großeltern auf die Enkel aufpassen, während die Eltern bei der Arbeit sind.

Auch für Finow 17 gilt: Vor der für Sommer dieses Jahres angekündigten Fertigstellung sind bereits alle Wohnungen verkauft – in Friedrichshain muss man als Interessent offenbar schnell sein. Sofern diese kleineren Projekte einmal alle ausverkauft sein sollten, ist in Friedrichshain noch Platz für sehr viel mehr Wohnungen: nämlich auf dem Anschutz-Areal an der Spree. Rund um die O2-World sieht der Bebauungsplan die Schaffung von mehreren Hundert Wohnungen vor. Gut möglich, dass eines nicht zu fernen Tages auch dort Investoren tätig sein werden – beliebt genug scheint Friedrichshain ja zu sein.

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