Relaxen : „Viele wissen gar nicht, was sie entspannt“

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Foto: promo
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Herr Adli, warum braucht der Mensch eigentlich Urlaub?

Urlaub ist eine Konsequenz aus unserem modernen Arbeitsleben. Weil sich unsere Arbeitszeiten nicht an biologische Rhythmen halten, brauchen wir Phasen der Erholung, um Psyche und Körper zu regenerieren. Deshalb ist Urlaub auch kein Luxus, sondern eine notwendige und zentrale Komponente eines gesunden Stressmanagements. Wird der Körper nicht ab und an runtergefahren, werden wir weniger leistungsfähig.

Wie oft und wie viel Urlaub braucht man?

Das lässt sich nicht verallgemeinern. Wer seinen Feierabend ideal nutzt, könnte theoretisch das ganze Jahr durcharbeiten. Aber dazu gehören die wenigsten. Außerdem darf man Freizeit nicht mit Entspannung verwechseln. Vieles im Privat- oder Familienleben ist alles andere als erholsam – sondern verursacht ebenfalls Stress.

Was genau ist Stress?

Stress bedeutet, dass wir in einen Zustand verstärkter Reaktionsbereitschaft versetzt werden. Das brauchen wir auch in besonders fordernden Situationen, um adäquat zu funktionieren. Problematisch wird es, wenn der Stress dauerhaft unsere Kompensationsmöglichkeiten überschreitet, dann können körperliche und psychische Schäden die Folge sein. Durch die Digitalisierung und die Vernetztheit der Arbeitswelt ist die Gefahr, dass das geschieht, heute größer als früher.

Was hilft mehr? Mehrere kurze Städtereisen pro Jahr oder vier Wochen Strand?

Auch das hängt von der individuellen Persönlichkeit ab. Der eine findet Kurztrips in Metropolen belastend, ein anderer ausgesprochen anregend. Erholung bedeutet in erster Linie, etwas Angenehmes bewusst auszuüben. Was das ist, ist für jeden etwas anderes und situationsabhängig. Das Problem ist eher, dass viele Menschen gar nicht wissen, wie sie am besten Erholung finden. Manche verwechseln Erholung mit dem Ende der Arbeit. Wir müssen aber auch im Kopf auf Erholung schalten. Viele kennen sicher das Phänomen, dass man im Urlaub erst mal krank wird. Das kann daran liegen, dass der Organismus zu schnell umgestellt wird.

Wie lässt sich das vermeiden?

Gut ist, sich auf den Urlaub vorzubereiten und möglichst Erholung und Genuss zu verbinden. Also nicht nur schlafen und entspannen, sondern auch Hobbies und anderen angenehmen Tätigkeiten oder Sport nachgehen. Wovon ich auf jeden Fall abrate, ist, den Urlaub als Puffer für liegengebliebene Arbeit anzusehen, auch wenn die Versuchung enorm ist. Wer auf sein Smartphone verzichten kann, sollte das tun. Es ist erstaunlich, wie gut die anderen auch ohne einen selbst eine Weile auskommen.

Mazda Adli (41) ist Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité. Mit dem Experten für Stress, Burn-Out und Depressionen sprach Moritz Honert.

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