Wirtschaft : Renate Krüger

(Geb. 1940)||Sie hielt bei Kiepert Hof, und alle kamen: Richter, Bachmann, Grass.

Stephan Reisner

Sie hielt bei Kiepert Hof, und alle kamen: Richter, Bachmann, Grass. Ob sie jemanden sympathisch oder unsympathisch fand, entschied Renate Krüger immer spontan. Gefiel ihr jemand, so konnte daraus sehr schnell eine Freundschaft werden, andernfalls fertigte sie alles und jeden gekonnt ab.

„Wie siehst du denn aus?“, sprach die gelernte Buchhändlerin einmal einen aufwändig gekleideten Studenten in einer Drogerie in der Goethestraße an. Sie arbeitete bei Kiepert und tourte in der Mittagspause gern durchs Viertel. Entschlossen ging sie auf den Studenten zu, löste seinen Krawattenknoten und zog ihm den Schlips unterm Kragen weg. Dann öffnete sie noch ein paar Knöpfe seines Hemdes. „So sieht er doch viel besser aus!“, stellte sie gegenüber der befreundeten Drogistin fest. Der Student, aus dem ein bekannter Architekt werden sollte, ging nie wieder mit Krawatte in die Uni. Mit Renate Krüger blieb er zeitlebens befreundet.

Kiepert am Knie, Anfang der Sechziger. Gleich links, wenn man das Haus in der Hardenbergstraße betrat, stand ein legendärer Tisch. An diesem Tisch hielten Renate Krüger und ihre Kollegin Galina Rave jahrelang belletristischen Hof. Die Freundinnen aus Schöneberg hatten das Gymnasium vorzeitig verlassen, um Buchhändlerinnen zu werden. Sie wollten Bücher nicht nur auspacken und ins Regal stellen – sie wollten wissen, worum es in ihnen ging. Literaturhistorisch betrachtet, war es eine Aufbruchszeit: Walter Höllerer rief im neu gegründeten Literarischen Colloquium zu Lesung, Diskussion und Prosawerkstatt. Klaus Wagenbach, damals junger Lektor bei S. Fischer, förderte den literarischen Nachwuchs nicht nur mit Rotwein. Es gab ständig etwas zu feiern: „Das Fest in der Cramerstraße. Das Fest bei der Tochter von Sebastian Haffner. Das Fest mit Ingeborg Bachmann / Unvergessliche Feste. Mänadisch“, heißt es in Hubert Fichtes „Die zweite Schuld“, einem Blick in die Gründungszeit des deutschen Literaturbetriebs. Man stritt sich, man liebte sich, man debattierte und fiel übereinander her.

Tagsüber guckten alle an den Tischen von Renate Krüger und Galina Rave vorbei: Richter, Bachmann, Grass und all die anderen. Der scharfzüngige Charme der Buchhändlerinnen betörte alle.

Renate Krüger, verantwortlich für den Einkauf in der Belletristik, hatte ein Gespür für wichtige Neuerscheinungen. Wenn sie einen Titel ins Sortiment nahm, orderte sie ihn gleich in großen Margen. Verlagsvertreter staunten, wenn dann auch noch Nachbestellungen kamen. Und es wurde natürlich auch geklaut. Einmal sprintete sie einem Dieb hinterher: auf Nylonstrümpfen, die hochhackigen Schuhe in der Hand. Der Dieb war ausdauernder. Er hatte einen Band von Marcel Proust gestohlen.

Es waren ihre besten Jahre. Sie probierte alles aus: In der Literatur, in der Liebe, in der Mode und im bewusstseinserweiternden Reich der Gräser, Pulver und Pillen. Ihr Erlebnishorizont spannte sich von einem Ende der Neugierde bis zum anderen, von purer Sinnlichkeit bis zur intellektuellen Hingabe. Ob einer berühmt war oder nicht, das war ihr ganz egal. Fand sie an jemandem Gefallen, flirtete sie mit ihm, auch wenn sie einen anderen liebte.

Als der Computer Einzug bei Kiepert hielt und die Belletristik neben den neuen Abteilungen ins Hintertreffen geriet, löste sich auch der Rücken ihres eigenen Lebensbuches: Multiple Sklerose. Dennoch blieb sie unnachgiebig. Bestellungen am Computer lehnte sie kategorisch ab. „Mir soll noch mal jemand sagen, ich sei Buchhändlerin – Kassiererin bin ich!“, fasste sie am Ende ihrer Karriere zusammen. Schließlich wurde sie in die sechste Etage – abseits des Publikums – versetzt, um nur noch die „Kiepert Bücherzeitung“ zu machen. 1998 ging sie.

„Nichts“ habe sie in den letzten Jahren mehr gemacht, berichten die Freunde. Sie lag auf dem Bett, sie guckte fern, sie öffnete nicht einmal mehr die Umzugskisten mit den Büchern, als sie die Wohnung wechselte. Ihre Freunde erinnern sich an den gedehnten Tonfall ihrer Stimme: „Normal“, sagte sie immer, wenn man sie fragte, wie es ihr ging. Langsam und geräuschlos lebte sie zu Ende.

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