Renate Künast : "Das Zeitalter von sowohl als auch"

Energieeffizienz, Klimaschutz, Bioprodukte: Wie die Grünen-Politikerin Renate Künast bei Berliner Unternehmern auftritt.

Moritz Döbler

Berlin - Renate Künast macht es ihren Zuhörern diesmal nicht leicht. Vor rund 150 Berliner Unternehmern und Managern spricht sie von Bio-Körperpflege, Mob-Aktionen und Hexenwissen. Auf skeptische Mienen unter den Anzugträgern stößt auch ihre Losung, dass der Blaumann grün werden müsse. Und was der „Green New Deal“ denn nun genau sein soll, bleibt offen.

Aber auf Ablehnung stößt die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag nicht – denn Energieeffizienz und Klimaschutz sind inzwischen zentrale Themen der Wirtschaft. Früher habe man entweder für Ökonomie oder Ökologie sein müssen, sagt Künast. „Jetzt hat das Zeitalter von sowohl als auch angefangen.“ Die deutschen Schlüsselbranchen Auto, Chemie, Elektro, Maschinenbau müssten grün werden; der Staat habe die Anreize zu setzen. „Die Umweltmärkte sind die Leitmärkte der Zukunft.“ Deutschland müsse seine Technologieführerschaft gegen die USA und China verteidigen. „Der Mittelstand ist Träger dieser neuen grünen Wirtschaft.“

Kurz nach dem Krümmel-Störfall ist ihre atomkritische Haltung selbst vor diesem Publikum ein Selbstläufer. Aber dass die Grünen auch auf die Kohle längerfristig verzichten wollen, verteidigt sie klar. Nötig sei ein neues europäisches Energienetz, dass Windkraft aus Schottland ebenso nach Deutschland transportiere wie Solarstrom aus der Sahara. Kohle sei eine Übergangstechnologie, und deswegen solle man woanders investieren. „Wenn Sie jetzt ein Kohlekraftwerk bauen, haben Sie das 40 Jahre da stehen – und ein Investitions- und Denkhemmnis.“ Für Berlin könne das heißen, Wohnhäuser energetisch zu sanieren, auf den Dächern öffentlicher Gebäude Solaranlagen zu installieren und die Abwärme von Betrieben zu nutzen, fordert die Berliner Abgeordnete.

Neben allen grünen Hoffnungen vergisst Künast nicht, sich staatstragend und wirtschaftlich kompetent zu inszenieren, stellenweise redet sie wie eine Volkswirtin aus der Finanzbranche von systemischen Banken und bedrohlichen Dominoeffekten. Doch die Stunde der Wahrheit beginnt, als Jan Eder, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, aus dem Wahlprogramm der Grünen vorliest. Spitzensteuersatz rauf, Regelsatz für Hartz IV rauf, Erbschaftsteuer rauf – Applaus gibt es dafür nicht. Und Künast setzt noch einen drauf: „Wir sind übrigens auch für eine zeitlich befristete Vermögensabgabe.“ Was die Frage nach den Machtoptionen aufwirft. Künast antwortet zunächst mit dem erwartbaren Nein zu Schwarz-Gelb-Grün („Jamaica“) und auch Rot-Rot-Grün. Möglich sei aber „alles, was ich nicht ausgeschlossen habe“. Mehr sagt sie auch auf Nachfrage nicht und lässt Schwarz-Grün so eine Chance.

Ihre Ehrlichkeit finde er „fast schon sympathisch“, sagt Eder am Ende und berichtet, dass nun alle Spitzenkandidaten des Bundestagswahlkampfs ins Ludwig- Erhard-Haus gekommen seien: Angela Merkel, Gregor Gysi, Guido Westerwelle und eben Renate Künast. „Es fehlt einer in der Aufzählung – der hatte keine Zeit.“ Gelächter schlägt Eder entgegen und zeigt: Die Grünen-Politikerin hat mehr Freunde in der Berliner Wirtschaft als der SPD- Kanzlerkandidat. Moritz Döbler

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben