Wirtschaft : Renate Weinberg

(Geb. 1914)||„Ich schwebe durch einen fast dunklen Raum. Es geht hin und her, auf und ab.“

David Ensikat

„Ich schwebe durch einen fast dunklen Raum. Es geht hin und her, auf und ab.“ In der Nacht vom 14. zum 15. Mai 1944 träumt die Bibliothekarin Renate Weinberg einen Bibliothekarinnentraum: Sie trägt zwei Bücher, eine Biografie und einen Gedichtband aus der Bücherei, in ihrer Tasche befinden sich außerdem ein paar Eier, eines davon geht kaputt, doch es läuft nicht aus. Es folgt ein Traumbild, das keiner Berufsgruppe zuzuordnen ist: Ich sehe einen halbschräg liegenden Menschen; ich wache auf, indem ich vor mich hinsage: Daß diese Griechen keine Zähne haben!

Was genau Renate Weinberg im Frühjahr 1944 tat, ist längst vergessen. Bekannt ist, was sie damals träumte. Sie hatte eine Psychoanalyse begonnen und schrieb dafür ihre Träume auf, jeden Morgen, mit der Schreibmaschine.

Zwischen den Träumen findet sich eine Notiz über ihr Befinden: Ein mal überwältigt sein! Hineingestellt in große Zusammenhänge… Kein Selbstvertrauen (Wenn mich jemand scharf ansieht – weine ich). Vielleicht hab ich grade das Bedürfnis, das Größere zu sehen, von mir ab zu sehen. Es fällt mir schwer.

Im April 1944 erobert die Rote Armee die Krim zurück, im Mai fordert die Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz- Klink die deutschen Frauen zu „Geburtshöchstleistungen“ auf, im Juni landen die Westalliierten in der Normandie. Bomben fallen auf deutsche Städte.

In der Nacht zum 8. Mai 1944 träumt Renate Weinberg: Ich schwebe durch einen fast dunklen Raum. Die Beine sind leicht angezogen, der Körper ist nach vorn geneigt, der rechte Arm wie tastend vorgestreckt. Es geht hin und her und auf und ab. Später habe ich Mühe, fest zu stehen und kämpfe gegen einen Auftrieb.

Hin und wieder, selten, dringt der Krieg in ihre Träume. Am 13. April etwa: Die Russen sind so nah, die Engländer und Amerikaner haben alles zerstört. Göring sieht nur darauf, daß Holstein ganz bleibt. Jetzt ist es auch gefährdet, also macht er Frieden.

Es kommt auch mal ein Kriegssachschädenamt vor, es wird entdunkelt, und einmal kommen die Russen auf einem Boot daher. Aber letztlich ist die Bibliothek in Renate Weinbergs Nächten weit wichtiger als der Krieg: In der Nacht des 2. Juni muss sie einen Schwung Zettel zwischen Kuno und Kuuuno einordnen, am 27. April ärgert sie sich über eine Leserin, die immer erst um acht kommt, obwohl um acht geschlossen wird.

Renate Weinbergs Vater ist Gymnasialdirektor in Lichterfelde. Bemerkenswerter ist der Bildungsstand der Mutter: Sie ist eine Studierte, eine der ersten Frauen des Landes mit Universitätsabschluss und Doktortitel. Über das Politische im Werk von Achim von Arnim hat sie promoviert, doch da sie vier Töchter zur Welt gebracht hat, verwundert es nicht, dass auch diese Frau schließlich dem Mann das Geldverdienen überlässt. Das heißt nicht, dass sie sich ganz und gar der Kinderobhut widmete. Sie hat eigene Interessen. Die Töchter speisen mit dem Kindermädchen separat im Wintergarten, die Eltern im Esszimmer.

Traumprotokoll, 11. Mai 1944: Ich bemerke plötzlich, daß Mutter meinen Balkon jetzt an ihrem Zimmer montiert hat, wahrscheinlich weil man um diese Jahreszeit dort die Sonne besser ausnutzen kann.

Renate ist die erste Tochter der Familie, geprägt von einem großen Verantwortungsgefühl. Natürlich macht sie Abitur, selbstverständlich studiert sie, allerdings anders als die Mutter ein Fach, das einem klaren Berufsbild entspricht, Bibliothekswissenschaft.

Als Bibliothekarin arbeitet sie vor dem Krieg und während des Krieges und danach selbstverständlich auch. Bis zu ihrer Pensionierung bleibt sie im Beruf.

Die Liebe? Kinder? Familie? Familie hat sie, eine große. Bis zu ihrem Tod mit 92 Jahren. Da leben noch eine ihrer Schwestern und viele, viele Neffen, Nichten, Großneffen und Großnichten. Die haben ihre Tante Renate in schöner Erinnerung. Eine feine Frau! Klug und gebildet, warmherzig, doch immer geradeaus. So interessiert an der Welt, kein bisschen missmutig. Von den Selbstzweifeln in ihren jungen Jahren ahnen die Verwandten nichts. Sie hatte keine Kinder, verheiratet war sie auch nie, aber da war gar nichts Altjüngferliches, Ungeküsstes an ihr.

In den alten Träumen kommen selten Männer vor – ähnlich wie in Renate Weinbergs Umgebung des Jahres 44. Sind ja alle im Krieg. Zwei Männerträume:

13. April – In der Lichterfelder Wohnung stehe ich in Mutters Zimmer angezogen in einer Badewanne und will anfangen mich zu waschen, als plötzlich von außen ein Mann ins offene Fenster sieht. Ich sehe, daß er sich nicht am Fensterbrett festhält, ich ihm also keinen Halt nehme, wenn ich das Fenster zumache.

19. Juni – Ich habe einen Herrn kennen gelernt und aufgefordert, mit nach Hause zu kommen, trotzdem ich einen starken Widerwillen gegen ihn empfinde. Er ist in einem Nebenzimmer, während ich koche. Während ich in einem Gefäß auf und abstampfe, entsteht ein zartrosa Pudding.

Die letzten Tage ihres Lebens verbringt Renate Weinberg in einem Pflegeheim. „Was meinst du, wie lange ich hier noch bleibe?“, fragt sie einen Neffen, als sei es selbstverständlich, dass sie bald wieder nach Hause entlassen wird.

Einer Pflegerin erzählt sie, dass sie sehr gern geheiratet und eigene Kinder gehabt hätte.

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